Wünschen – Die drei Wünsche

Adventszeit ist die Zeit der Wünsche.
Was wünschen wir uns nicht alles … und die Werbeindustrie tut alles, unsere Wünsche nicht nur wach zu halten, sondern jede Menge neuer Wünsche in unseren Köpfen zu produzieren.

Wenn es um Wünsche geht, dann auch immer darum, was wir brauchen und wofür.
Die Lernaufgabe dieser Zeit ist, wie mir scheint, die Frage: Was wünschst Du Dir WIRKLICH?
Sind wir tatsächlich glücklicher, wenn alle Wünsche erfüllt sind?
Und dann tun sich immer neue Wünsche auf.
Weil es eben doch nicht glücklicher macht oder nur für eine kurze Zeit, wie ein Bovist-Pilz, auf den man tritt oder eine Schneeflocke, die man einfängt. Ein kleiner Moment und dann puff.

Ich gebe zu, ich habe so meine Mühe mit der Fülle an Wunsch-Möglichkeiten. Natürlich liebe auch ich schöne Dinge, die einfach nur da sind. Aber schöne Dinge können gesehen und bewundert werden. Muß ich sie deswegen unbedingt haben? Eine Schneeflocke kann ich nicht festhalten. Aber der Moment, dieser eine kostbare Moment, bevor sie sich durch meine Körperwärme wieder in Wasser verwandelt, der ist ein Wunder, ein Geschenk.

Deshalb liebe ich es noch viel mehr, mir und meinen Kindern Erlebnisse zu schenken, kostbare Momente, Zeit, die besonders ist. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt besonders gut oder toll oder sonstwie mache. Aber ich weiß, dass es die schönen Erinnerungen sind, die bleiben, die das ganze Leben lang uns tragen und stärken. Sie sind immer abrufbar, wenn wir sie brauchen.

Natürlich gibt es bei uns Spielzeug unter dem Weihnachtsbaum. Frei bin auch ich nicht von der ganz materiell-handfesten Schenkerei. Zu sehen oder zu hören, wie die Beschenkten sich freuen, ist dann wieder etwas für meinen eigenen Erinnerungsfundus.

Und weil es mir selbst unendlich viel Freunde bereitet, Menschen zu beschenken mit dem, was ich im Überfluß habe, verschenke ich in der Vorweihnachtszeit Geschichten. Ich erzähle sie und schicke sie als Audio-Datei oder Sprachnachricht an all jene, von denen ich glaube, dass sie sich darüber freuen würden. Es ist einfach schön, meinen Schatz zu verschenken und es ist eine ganz persönliche Wunscherfüllung von mir.

Vielleicht habt Ihr ja auch Lust, in diesem Jahr das zu verschenken, was Ihr im Überfluß habt. Der eine mag Zeit in Hülle und Fülle haben, die andere Kekse, der nächste handwerkliches Geschick. Vielleicht gibt es so viele Bücher in Eurem Regal, dass einige davon verschenkt werden möchten oder Ihr habt selbstgekochte Marmelade übrig (na gut, die mag nicht jeder, also: Vorsicht!).
Wenn Ihr es liebt, Euren Überfluß zu teilen, dann ist das das größte Geschenk überhaupt.

Und ganz sicher erfüllt sich mit einer solchen Gabe auch so mancher Wunsch.

In der heutigen Geschichte erzähle ich eine Sage aus dem Alpenraum. Der Satz: „Bedenke was du wünschst, es könnte dir erfüllt werden.“ ist sicher vielen bekannt und wird auch zum Thema dieser kleinen Begebenheit.

Wenn hier der Herr Jesus Christ und der heilige Petrus als Zweiergespann auftauchen, die über das Land ziehen, dann ist ziemlich klar, dass es sich um eine sehr alte, weit vorchristliche Sage handelt, die einfach den vorherrschenden gesellschaftlichen Vorstellungen angepaßt wurde. Die Konstruktion mit zwei „Helden“ geht auf eine alte keltische Vorstellung zurück, in der Krieger-Fürst und Druide (also der Botschafter der Götter und Gelehrte der Lebensgesetze) eine notwendige Einheit bildeten. Keiner war dem anderen untergeordnet, sondern jeder hatte seine wichtige Funktion, um die Geschicke der Sippe oder des Stammes weise zu leiten. Diese Vorstellung findet sich sehr deutlich noch in Artus und Merlin, aber auch in einigen anderen keltischen Geschichten. Und der Alpenraum ist keltisches Kernland.

So kann also getrost davon ausgegangen werden, dass die Frage nach dem richtigen Wünschen schon eine sehr alte Sache ist.

Na, dann wünsche ich mal was:
Möget Ihr diese Zeit des Wünschens und Schenkens genießen, auf dass sie eingehe in Euren eigenen Schatz der kostbaren Erinnerungen.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

P.S.: Wer sich der Gruppe der von mir Geschichten-Beschenkten anschließen möchte, sprich: auch eine erzählte Geschichte von mir bekommen möchte, schreibt mir einfach eine kurze Nachricht und wohin ich die Geschichte schicken soll (Mail, WhatsApp, Facebook). Es gibt noch Geschichten zum 4. Advent, zur Wintersonnenwende, zum 1. Weihnachtsfeiertag und Neujahr.

Share Button

Nikolaus-Blog: Rute oder Süsses – Wie Rübezahl auf den Tisch sprang

Frostblüten
Ach ja, der „gute“ Nikolaus, welche Wandlungen hat diese Figur nun schon vollzogen!

Geschichten einer alten Göttin

Die traditionell-christliche Deutung führt ihn auf den heilig gesprochenen Bischof Nikolaus von Myra zurück. Bei Wikipedia stehen 13 Legenden, die ihm zugesprochen werden. Sie sind ein Sammelsurium wohl- und wundertätiger Handlungen. Schaut man ein wenig tiefer, fällt ein fürsorglicher, ich würde sogar sagen: mütterlicher Anstrich auf. Myra war ein großes Kultzentrum der Göttin Artemis bzw. Kybele. Eine Legende berichtet, dass Nikolaus ihren gewaltigen Tempel eigenhändig abriß. Wie in vielen alten Geschichten ist hier Vorhandenes integriert und Neues installiert worden. Die Entwicklung der Menschheit ging in eine bestimmte Richtung und dieser wurde alles Vorherige untergeordnet.
Man, und vor allem Frau, kann darüber wütend sein. Es ist aber auch möglich, die Kunst der Wandlung darin zu erkennen. Eine neue Zeit war angebrochen, die christliche Machtübernahme war in vollem Gange. Interessanterweise sollten heidnische Inhalte ausgerottet werden und haben es doch bis heute in unsere Wohnzimmer … ähm … Schuhe geschafft.
Es ist bloß eine Frage der Perspektive.

Und was ist das mit der Rute und dem Süßkram?

Früher wurden im November die Kinder in den Religionsunterricht geschickt und mussten ordentlich schufften, um kirchen-tauglich zu werden. Wie alte Erziehungsmethoden dabei funktionierten, brauche ich sicher nicht ausführen.
Zum Namenstag des Hl. Nikolaus fand die Prüfung statt. Wer nicht gut genug war, bekam es mit der Rute. Und wie die Belohnung aussah, können wir uns auch vorstellen.
Bestrafung und Belohnung regierten jahrhundertelang den Umgang mit Kindern.
Heute ist der Bestrafungsanteil durch die Rute anderen Methoden gewichen. Am ehesten könnte vielleicht eine natürliche Konsequenz dafür herhalten: „Oh, man, ist mir schlecht von den vielen Süssigkeiten.“ Das wäre dann weniger gezielt, die Nachhaltigkeit eher fragwürdig, aber auf jeden Fall unangenehm.
In den Erziehungsmethoden, die durchaus auch vor- bzw. nicht-christlich sind, ging es um entweder-oder. Das Kind sollte dazu gebracht werden, das zu tun, was die Erwachsenen für gut hielten. Es gab nur zwei Seiten, ein Dazwischen war nicht möglich. So wurden wir seit vielen Generationen auf Dualität getrimmt. Wir wissen, was Gut und Böse, Richtig und Falsch ist. Ein Wissen, dass uns hilft, in der Gemeinschaft der Menschen zu überleben.
Und doch weckt diese Mischung aus Grusel und Freude, so seltsam das auch klingt, einen uralten Reiz aus. Wenn wir bereit sind, gängige Moralvorstellung mal einen Augenblick beiseite zu lassen, können wir ihn spüren.

Angreifen oder weglaufen

Es gibt viele alte Götter-Geschichten, in denen von genau diese Zwiespältigkeit erzählt wird.
Zwiespältige Situationen führen uns in eine nicht alltägliche Bewußtseinslage. Wir können nicht angreifen und nicht weglaufen. Angriff oder Flucht sind unsere uralten Überlebensinstinkte. Diese Instinkte haben vielfältige Auswirkungen und Abstufungen und beherrschen den größten Teil unseres Lebens.
Solche Situationen, egal wo und wann, lösen immer erstmal Verwirrung und Ängste aus. Wir müssen überleben und haben plötzlich keinen Plan mehr, wie.
Theaterspielen ist zum Beispiel so eine zweispältige Situation. Auf der Bühne, vor Zuschauern geht weder das eine noch das andere. Ich habe zum Beispiel vor jedem Auftritt ordentliches Lampenfieber, egal wie sicher ich mir meiner Fähigkeiten bin. Dieser nicht besonders angenehme Zustand bringt mich aber dorthin, wo ich meine Funktion als Geschichtenerzählerin sehe. Ich weiß, wie ich mit diesem Zustand umgehen muß und ihn mir zunutze mache. Für die Fürsorglichen und Hilfsbereiten: Danke, aber ich lasse ihn mir unter keinen Umständen nehmen.
Denn genau in diesem Dazwischen findet die Magie statt, die nur durch Vertrauen und Hingabe zu meistern ist. Und dann dürfen wir eine der wichtigsten menschlichen Erfahrungen machen:
Das Wunder, das geschieht, wenn wir die Kontrolle aufgeben.

Nikolaus als Schamane

So hat also für mich auch unser Nikolaus etwas durchaus Schamanisches. Er bietet uns mit seiner Rute/Süssigkeiten-Mischung an, durch ein Fenster in eine uralte Hütte zu schauen. Wir sind nicht mehr da drinnen, aber wir können sehen, uns inspirieren, berühren lassen. Wir müssen das nicht tun, jeder darf seines Weges gehen, wohin immer er möchte. Vielleicht aber ist da etwas zu entdecken, wir könnten sogar lachen. Weil nämlich unangenehme Erfahrungen einfach auch anstrengend sind, darf es das Lächerliche, Alberne geben, das uns überrascht, möglicherweise erschreckt und dazu bringt, etwas ganz Neues zu erfahren, mehr Raum in unserem Leben zu erkennen, als wir dachten, und uns beschenken zu lassen.

Und nun noch der listige Rübezahl

Wie in einer Weihnachts-Geschichte von Rübezahl, des alten Berggeistes des Riesengebirges. Rübezahl vereinigt in seinen Legenden, wie Knecht Ruprecht und Nikolaus, so manchen Aspekte eines alten Gottes. Er bringt Menschen in merkwürdige Situation und schaut, wie sie sich verhalten. Haben sie ein gutes Herz, werden sie belohnt, sind sie geizig, gierig und hartherzig, bekommen auch sie ihren gerechten Lohn. Da haben wir es wieder, das Belohnungs-System!
Das Schöne an diesen Geschichten ist, dass die Mitspieler immer die Wahl haben, wie sie sich verhalten möchten. Genau dies ist die Prüfung.
In dieser Geschichte nun tut der alte Rübezahl etwas, was seine Gastgeber zutiefst erschreckt, weil es nicht ihren Erwartungen entspricht. Am Ende aber siegt das Lachen, eines der schönsten Geschenke überhaupt: wiedergewonnene Lebensfreude.

Für das Dazwischen brauchen wir die Wahlmöglichkeit und Offenheit, dass alles geschehen darf und alles seinen Platz hat. Wirklich alles.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

Share Button

Geschichten, die nicht erzählt werden – Die sechs Schwäne

Schwan_2010-03-21
Ich kann sie gut verstehen, die alten Männer, die den Krieg erlebt haben und nicht darüber reden wollen.
Hat man Schlimmes erlebt, wird es wieder lebendig im Erzählen. Die Bilder stehen vor Augen, die Gefühle kommen wieder hoch, werden noch einmal durchlebt. Viele Menschen scheuen sich davor, vergraben lieber alles auf dem Grund ihres Seelenteiches tief im Wald der Erinnerungen.

Erschreckende Erinnerung

Wie ein Frosch aus dem Winterschlaf steigt dann so eine Erinnerung von Zeit zu Zeit an die Oberfläche des Teiches und quakt laut, manchmal im Traum, manchmal durch eine beiläufige Bemerkung eines anderen, vielleicht eine Musik oder einen Ort von früher.
Und dann kann es passieren, dass der Frosch überlaut quakt, weil er lange nicht gehört wurde, so laut, dass der ganze Körper erzittert vor Schreck: Ach ja, da war noch was!

Das sind dann die Gelegenheiten, die wie ein Weckruf sind. „Befreie mich, zieh mich heraus, sonst ersticke ich und du gleich mit.“ Heutzutage gibt es Tausend Möglichkeiten, so eine alte Geschichte zu heilen. Reden und Zuhören sind oft wichtige Voraussetzungen dafür. Ich als Theatertherapeutin kann spielerisch in die verschiedenen Anteile der Seele führen, sie reden lassen und mit ihnen gemeinsam eine Lösung finden. In einem geschützten Raum ist alles möglich.

Zu viel Gerede

Dann gibt es aber auch die Geschichten, die durch das häufige Erzählen nicht besser werden. Das geschieht meist, wenn der alte Frosch nicht losgelassen werden kann, weil es sich so vertraut anfühlt, dieses Alte.
Es ist nur so: Irgendwann will der Frosch seines Weges hüpfen, die Seerosen wollen wieder blühen und die Schwäne über das Wasser gleiten. Da darf so eine Geschichte gern feierlich begraben werden, also in die Erde hineingehen. Und wie wir wissen, verwandelt sich alles in der Erde, im Verborgenen, Dunklen, Nicht-sichtbaren.

 

Heilende Zeit

Und es gibt das Schweigen, das notwendig ist zur Heilung. Damit etwas zur Ruhe kommen darf, sich eben im Nicht-sichtbaren, Nicht-hörbaren transformieren kann. Oft ist das die stärkste Phase der Heilung. Wir können sie nicht kontrollieren, sie passiert einfach. Zeit ist dabei das entscheidendste Heilmittel. Diese Aufgabe, die vertraute und selbstverständliche Handlung des Redens einmal wegzulassen, ist schwer. Leider ist das in dieser Version des Märchen nicht mehr nachvollzogen. In einer anderen Version heißt es, die Schwester muß aus Brennesseln die Hemden für ihre Brüder nähen. Da wird die Schmerzhaftigkeit viel deutlicher. Etwas auszuhalten, was so schmerzhaft und anstrengend ist, kommt einer Initiation gleich und geht nur, wenn das Ziel klar und hoffnungsvoll ist. Wir müssen wissen, warum wir das tun, sonst wird es zu einem sinnlosen, überflüssigen Leiden, einer Opferhaltung, mit der sich wunderbar die Umwelt manipulieren lässt.

Die Kraft des Schweigens

Etwas auszuhalten ist in dieser Zeit ein heikles Thema. Gerade unter Frauen war und ist es sehr heilsam, unerträgliche Zustände zu beenden, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, Abhängigkeiten zu beenden. Für Männer gilt das selbstverständlich auch, wird nur nicht so oft thematisiert.
Das hat aber nichts mit dem zu tun, was wir auch, wie in vielen anderen Märchen, in den „Sechs Schwänen“ finden. Hier geht es um eine ganz bewusste Entscheidung für das Wohl aller, denn die Schwester erlöst nicht nur ihre Brüder, sondern auch sich selbst, nebst König und sogar dessen boshafte Mutter. Die Mutter darf aus ihrer Rolle aussteigen, der König sich selbst und seinen Willen prüfen und die Brüder aus dem verzauberten Zustand zurückkehren. Die Schwester aber wäre nie diese Königin geworden, hätte sie sich nicht auf den Weg ins Schweigen gemacht.

Für mich ist dieses Märchen und all die Märchen mit ähnlichem Inhalt („Die sieben Raben“, „Marienkind“ usw.) eine schamanische Geschichte. Es erzählt von der Kraft des Schweigens zur richtigen Zeit, vom Durchhalten selbst in bedrohlichen Zeiten und vom Sammeln der Energie, um sie einem höheren Ziel zur Verfügung zu stellen. Das bringt an ungeahnte Grenzen. Die Brüder wissen das schon und wollen ihre Schwester zunächst abhalten, diese schwere Aufgabe zu übernehmen. Aber sie lässt sich nicht beirren. Vielleicht, weil sie auf ihre Intuition hört? Es bleibt ungesagt und somit dem Zuhörer und Leser überlassen, eine Antwort darauf zu finden.

Vom richtigen Zeitpunkt

Es geht nicht nur um das Schweigen zur richtigen Zeit, sondern auch um das Reden und Handeln. Die richtige Zeit ist die angemessene Zeit, die nur erfahren wird durch „das Lauschen auf die Schwäne“, wie es im Märchen heißt. Schwäne sind übrigens die Götterboten, sie bringen Botschaft aus der Anderwelt.

Stephenie Meyer, die Autorin der berühmten Bis(s)-Vampir-Romane, sagte einmal sinngemäß, dass ihre Bücher wohl deshalb so erfolgreich seien, weil sie eine Geschichte vom Warten auf den richtigen Zeitpunkt erzählen und dies sehr reizvoll für die junge Generation wäre.

Wie wir an den alten Märchen sehen, ist das keine neuzeitliche Sache, sondern schon seit altersher ein so wichtiges Thema, dass es immer und immer wieder in verschiedensten Variationen erzählt wurde.

Dann muß es wohl Sinn machen, oder?

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

Share Button

Märchen verändern – Die drei Haare des Löwen

Fotografiert von Melanie Krumbiegel-Erdmann
Fotografiert von Melanie Krumbiegel-Erdmann

Es wird im allgemeinen als großartige Kulturerrungenschaft angesehen, dass die Brüder Grimm Märchen sammelten und aufschrieben. Ein Meilenstein des intellektuellen Fortschrittes.
Vielleicht stimmt das so, vielleicht ist es aber auch eher bedauerlich. Denn viele Jahrhunderte lang erzählten sich die Menschen ihre Geschichten mündlich. Und jeder Erzähler veränderte die Geschichte ein bißchen.

Authentisch lebendig

Natürlich könnte jetzt erbost nach der Authentizität der Geschichten gefragt werden. Aber genau das ist doch das Authentische! Nichts kann festgehalten werden, und doch gibt es eine Art Grundgerüst, eine innere Richtschnur, an der das Leben entlang wächst wie Efeu an einem Baum.
Jeden Tag gibt es beides: Wiederholung und Veränderung.
Auch eine Geschichte darf sich verändern, verändert werden. Immer, wenn wir jemandem etwas aus unserer Vergangenheit erzählen, erzählen wir diese Geschichte neu. Weil wir selbst nicht mehr dort sind, wo diese Geschichte sich einmal zugetragen hat.

Ich kenne das gut. Wenn ich Märchen erzähle, sind sie nie gleich. Bei den bekanntesten Grimm’schen Märchen fällt mir das allerdings sehr schwer, auch ein Grund, warum ich sie nicht so gern erzähle. Ich habe den Klang von Frau Holle, Schneewittchen und Dornröschen so sehr im Ohr, dass ich die Worte einfach nicht verändern kann. Und gerade bei diesen Märchen ist die Erwartung der Zuhörer, dass das Märchen so erzählt wird, wie es im Buche steht.
Puh! Ich empfinde das als sehr starr und unlebendig.
Jedes einzelne Wort an der richtigen Stelle ist für viele Menschen aber auch das Vertraute, Heimelige, das Geborgenheit und Sicherheit gibt.

Ein arabisches Märchen

Das arabische Märchen: „Die drei Haare des Löwen“ habe ich in erzählerischer Freiheit ebenso verändert, wie ich es mit den meisten Geschichten tue. Zwei Stellen, an denen die Frau von ihrem Mann geschlagen wird, werden mir nicht über die Lippen kommen. Und in meiner Version sucht sie keinen Wahrsager auf, sondern eine Wahrsagerin. Obwohl das, lebenspraktisch betrachtet, eher unproduktiv ist, eine Frau um Rat zu fragen wenn es um einen Mann geht.
Es war auch eher aus pragmatischen Gründen, dass ich den Wahrsager einer Geschlechtsumwandlung unterzog. Ich werde mit einer lieben Freundin diese kleine Geschichte als Mini-Theaterstück spielen zum Auftakt unserer neuen Frauentheatergruppe. Und so ist es jetzt in meinem Gedächtnis geblieben.

Die junge Frau Halima ist unglücklich mit ihrem Ehemann und sucht Rat. Die Wahrsagerin trägt ihr auf, drei Haare aus der Mähne eines lebendigen Löwen zu bringen.
Für mich ist das eine Geschichte von Mut und der Erfahrung der eigenen Stärke, in dem sie der eigenen Angst begegnet. Und das ist universell.

Kinderleichte Kreativität

Für mich ist Kreativität, das Alte zu nehmen, den universellen roten Faden zu finden und daraus das zu erschaffen, was wir heute sind und brauchen.

Kinder können das ganz leicht.
Als Beispiel ein kleiner Dialog mit meinem 13jährigen Sohn. Vor ein paar Tagen stürmte es draußen ordentlich. Beim morgendlichen Verabschieden in die Schule sagte ich:
„Viel Erfolg beim Kampf gegen den Sturmriesen.“
Er: „Du meinst, gegen den Steinriesen.“
Ich: „Nein, der ist ja aus Stein. Der Sturmriese ist aus Sturm.“
Er: „Du meinst einen Urklopen.“
Ich: .. denke .. denke .. denke .. „Du meinst den Vater der Zyklopen (einäugige Riesen aus der griechischen Sage)? Hat der auch ein Auge?“
Er: „Nein, der hat drei Augen und hat die Zyklopen erschaffen.“
Kleine Anmerkung: Den Urklopen hatte mein Sohn während unseres Dialogs erfunden.

So, und ich weiß jetzt, was ein Urklope ist. Was mir das nützt? Ich weiß nicht, mal sehen. Dieses Wort geht auf jeden Fall in meine Schatzkiste seltsamer Wortschöpfungen und macht mir Freude immer wenn ich daran denke. Ohne dieses Wort hätte ich diese Freude nicht.
Das ist doch was!

Wir können Geschichten verändern, aber Geschichten verändern auch uns. Es ist eine lebendige Beziehung des Nehmens und Gebens.

Manchmal aber ist es gut, alte persönliche Geschichten nicht mehr zu erzählen. Denn wir sind nicht mehr dort, wir haben uns verändert und die alten Wunden durften sich verwandeln.
Doch das ist eine andere Geschichte.

Verdammt nicht gleich den andern.
Übet Milde. Verzeiht. Entschuldigt.
Denkt an eigne Schuld.
Wenn jeder alles von dem andern wüsste,
es würde jeder gern und leicht vergeben.
Es gäbe keinen Stolz mehr,
keinen Hochmut.

Hafis, persischer Dichter

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

Share Button

Märchen sind Seelentröster

Wenn solch schreckliche Dinge geschehen, wie die Anschläge am Freitag in Paris, dann braucht die Menschheit wohl keine Märchen mehr. Oder?

Vielleicht aber finden sich gerade in alten Geschichten Antworten auf die elementarsten Fragen des Lebens. Ich bin davon überzeugt.

Existentielle Fragen

Willkürliche Gewaltakte, die uns mit so existentiellen Gefühlen wie dieser Hilflosigkeit konfrontieren, erschüttern das gesamte Gefüge vom eigenen, eingerichteten Leben. Gestern las ich in einer Regionalgruppe von einem Vater, der angesichts der Pariser Geschehnisse um seine Kinder fürchtet und die Frage stellt, ob nun hier, in und um Berlin, wohl auch mit solchen Attentaten zu rechnen sei. Gedanken, die er sich früher sicher nicht so vehement gemacht hatte.
Was also erzählen Märchen in solchen Zeiten?
Es geht immer um existentielle Fragen, immer um die wirklich entscheidenden Werte, immer um das Erringen von Glück, Liebe und Wohlstand.
Allerdings hebt unsere europäische Erzähltradition durch jahrhundertelange Christianisierung am Ende der meisten Geschichten ins glückliche Ende ab. Durch die ständig gepredigte Sündhaftigkeit des Menschen war alles schon schlecht, der gesamte Alltag schwer und dunkel, das gelebte Leben anstrengend. Märchen und Geschichten trösteten und erleichterten die Seele, denn wenigstens dort gab es das Wunder am Ende, das alles auflöste. Auch aus diesem Grund erfuhren Märchen über Generationen hinweg so viel Verachtung von den aufklärerischen Realisten.

Verschüttete Weisheit

Auf dem tiefsten Grund des Märchenbrunnens finden wir aber die uralte, verschüttete Weisheit.
Und die ist universell.

Weil dem so ist, kann ich auch mit Leichtigkeit auf Geschichten aus anderen Kulturen zugreifen.
In der japanischen Kultur gibt es nur selten ein Happy End. Sie fließt zur Zeit in meine Überlegungen mit ein, weil meine Tochter dort ist und mir oft vom alltäglichen Leben in Japan erzählt. Die Nähe des Todes durch ständige Erdbeben und häufige Vulkanausbrüche, drohende Tsunamis und die gewaltige Kraft des Meeres prägen die Mentalität dieser Kultur.
Es ist für Japaner völlig normal, dass ihre Geschichten offen enden. Es gibt kein: „So ist es und so bleibt es und jetzt ist alles gut.“
Die Liebesgeschichte, die ich heute erzähle, ist ein gutes Beispiel dafür. Zwei Menschen lieben sich, denn sie erkennen ihre Seelenverwandtschaft. Sie wissen, dass sie zueinander gehören. Doch die Umstände, die sei beide respektieren, erlauben nicht die Erfüllung ihrer Liebe. Der Mann wird dem Meer geopfert, so wie es vorgesehen war. Die Frau verwandelt sich daraufhin in den Stern, der am Morgen über dem Meer aufgeht, sinnigerweise die Venus. Und weil eine Opferung immer bedeutet, dass der Mensch ganz das Element wird, dem er geopfert wurde, können sich beide begegnen und berühren. Am Horizont, wenn der Tag anbricht.

Der Überbau

Was erzählt diese Geschichte aber nun genau?
Etwas, das Prof. Hüther, empathischer Hirnforscher und Wissens-Türöffner, ungefähr so beschreibt: Der Mensch ist darauf angewiesen, dass er sich eine übergeordnete Welt baut, die dazu beiträgt, dass er seine Ressourcen überhaupt ausschöpfen kann. … Daraus kann man ableiten, dass der Mensch ein spirituelles Wesen ist.
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=xVH8nL2xBcU

Bei allem, was offensichtlich geschieht, es gibt mehr, es gibt immer etwas Übergeordnetes. Es ist in uns und wir entscheiden, ob dieses Übergeordnete uns hebt, licht- und liebevoll ist, oder uns zu Boden drückt, überwältigt und allen Lebensmut nimmt.

Genau das erzählen alte Geschichten.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

Share Button

Es muß nicht immer elfenhaft sein – Die kluge Gretel

Ich habe zwar neulich geschrieben, die Brüder Grimm hätten nicht viel Humor gehabt, aber die eine oder andere Schelmengeschichte hat es doch in ihre Sammlung geschafft.

„Die kluge Gretel“ ist weder romantisch noch zauberhaft und hat keinerlei anderweltliche Anwandlungen. Diese Geschichte ist noch nicht einmal mit einem moralisch ordnenden Satz versehen, der die Welt im Sinne der gesellschaftlichen Erwartungen wieder gerade rückt. Die wiederum sind ja bekanntlich nicht immer unserem Wohlergehen zuträglich und sollen darum mit Hilfe von Erziehung, Manipulation und Gruppendruck wiederspruchslos erfüllt werden. Da kann das „klug“ hier wohl auch nicht ganz so ernst genommen werden … oder?

Gretel ist eine Köchin, die gern das eine oder andere für sich abzweigt. Interessanterweise taucht an keiner Stelle der Geschichte ein erzieherischer Hinweis auf, wie schlecht und verwerflich sie handelt. Wir erfahren aber auch nichts darüber, warum sie das tut. Ob ihr Dienstherr ihr zu wenig Lohn zahlt, sie ungerecht behandelt oder sie einfach die Grenzen zwischen Mein und Dein nicht so ernstnimmt.

Letzteres ist ja genau das Verhalten, das uns so sehr bei vielen Bankern aufregt. Und schon sind wir mit einer alten Geschichte mitten in unserer modernen Welt. Treue, Anstand, Redlichkeit, Vertrauen sind Tugenden, die auch in vergangenen Zeiten hart erarbeitet und gelernt werden mussten. Allerdings glaube ich, dass es in dieser Geschichte um das befreiende Lachen geht, wie in allen Schelmengeschichten. Denn die Situation ist umgekehrt. Die Abhängige wehrt sich mit ihren Mitteln. Und da immer zwei dazu gehören, wird es wohl eine eher unrühmliche Vorgeschichte und gute Gründe geben, warum Gretel sich zwei Hühner, die für das Gastmahl bestimmt waren, und eine ordentliche Menge Wein einverleibt.

Vielleicht haben die Brüder Grimm in ihrem aufklärerischen Bereinigungswillen den Anteil des Dienstherren an der ganzen Misere schlichtweg unterschlagen, um das seltsame Verhalten der Köchin Gretel auf ihren Alkohlgenuß zu schieben. Wahrscheinlich hat sie ganz einfach in ihrer weinseligen Umnachtung vergessen, wo ihr Platz ist … Dies wäre jedenfalls in Grimm’schen Sinne.

Letztlich tut Gretel etwas, das ich allen gesellschaftlichen Regeln zum Trotz sehr sympathisch finde: Sie sorgt gut für sich. Denn ich frage mich jedes Mal, wenn ich diese Geschichte erzählen möchte, was denn um himmelswillen die Gretel essen soll, wenn der Herr nur zwei Hühner für sich und den Gast mitbringt.

Wie auch immer, am Ende bleibt, wie in jedem gutem Kabarett, der erlösende Humor, der die Last der Ungerechtigkeit erleichtert – bis zum nächsten Mal.

Herzliche, heute nicht ganz so märchenhafte Grüße aus der Anderwelt.

Share Button

Samhain – Tanz mit den Feen

Auch wenn ich mich mit den Grimm’schen Märchen ganz gut auskenne, erzähle ich sie doch nicht so gern. Jedenfalls nicht die Version, die wir alle aus der unzählig oft aufgelegten Endfassung kennen. Die dicke Kruste der alten Struwelpeter-Moral stößt mich ab. Viele Eltern möchten aus diesem Grund ihren Kindern diese Märchen nicht vorlesen, geschweige denn erzählen. Der Wolf ist nicht mehr böse. Abgeschlagene Körperteile sind keine Erziehungsmaßnahme. Allein gelassene Kinder zu verängstigen ist keine Option mehr. Der moralisch erhobene Zeigefinger ist abgefallen.

Deshalb ist es viel interessanter, die darunter liegenden uralten Geschichten aufzuspüren. Wie so oft, brauchen wir dafür einen Umweg. Die meisten Grimm’schen Märchen sind sehr geradlinig. Es gibt keine offenen Enden, keine Zwiespältigkeit und selten eine Wahlmöglichkeit für die Helden, haben sie sich erst einmal auf den Weg gemacht.
In den keltischen Sagen und Märchen geht es da ganz anders zu. Vor allem haben sie etwas, was die Herren Grimm bitter vermissen lassen: Sie haben Humor. Natürlich gibt es auch eine Moral im keltischen Kulturkreis, es gibt ein Wertesystem, eine Richtschnur. Ich empfinde sie allerdings als sehr viel lebensnaher. Da gibt es überraschende Wendungen, unendliche Sehnsucht, unvollendete Wege. Helden haben Schwächen wie Eitelkeit und Ignoranz und Heldinnen sind eher klug als folgsam.

Für die Menschen dieser alten Kultur war das Leben eine Spirale, ein Spinnrad, auf dem immerzu der neue Faden gesponnen wurde. Zwei Bewegungen gleichzeitig, senkrecht und waagerecht. Die acht Speichen der Jahreskreisfeste, der sich ewig wiederholende Zyklus, gab diesem Rad die Stabilität. Die Zeit lief genauso vorwärts, doch sie rannte nicht. Und weil es immer und ewig die Möglichkeit der Wiederholung gab, gab es auch die Möglichkeit der Neuwerdung. Deshalb geht es, eine Geschichte ohne Happy End zu ertragen. Beim nächsten Mal eine neue Chance. Und dann besser.

„Der Tanz mit den Feen“ ist so eine Geschichte. Runde um Runde mit den Feen zu tanzen ist möglich. Aber nur einmal im Leben. Denn so ein Erlebnis ist zu tief und zu gefährlich, als das es wiederholt werden könnte. Was bleibt, ist die Erinnerung, die sich stets wiederholt, wenn die Zeit dafür reif ist. Und diese Erinnerung ist zwiespältig, beängstigend und sehnsuchtsvoll faszinierend zugleich.
Ich erzähle diese alte keltische Geschichte, die eben leider auch schon einen moralischen Punkt am Ende hat, dazu auf meinen youtube-Kanal, der Link ist unten zu finden.

Es braucht den regelmäßigen bewussten Abschied, um auch bewusst neu anfangen und in die nächste Runde gehen zu können. Es sind immer zwiespältige Gefühle beim Abschied. Sie auszuhalten und zu ertragen muß trainiert werden. Deshalb ist Samhain so wichtig. Albern, grotesk, wild zu sein hilft loszulassen und die Schwere der Ewigkeit zu ertragen.

Bei geradlinigen Geschichten darf es nur Abschied und Schmerz geben, wenn er dem Happy End dient. Natürlich wollen wir alle ein schönes Ende. Aber wovon? Und was kommt danach?

Auch in den Grimm’schen Märchen ist die Antwort verborgen, wir müssen nur ein bißchen tiefer graben und Querverbindungen zu ähnlichen Kulturen suchen. Dann können sie Begleiter auf unserem Weg werden, wenn wir sie lassen.

Und, ja, Helloween: Natürlich war auch ich gestern dabei, meine Kinder auf ihrer Runde durch das Dorf zu begleiten. Nein, ich mag es nicht. Es ist mir zu oberflächlich. Aber auch das gehört natürlich dazu und wenn ich an das elterliche Begleitpersonal denke, das ich bei den ständigen Begegnungen beobachten durfte, lag das Groteske ziemlich nah, mich eingeschlossen. Als Märchenerzählerin nichts mit zombiemaskierten, kinderwagenschiebenden und dabei rauchenden Vätern und hexenbehüteten, taschenlampenschwingenden Hellikopter-Müttern anfangen zu können, ist einfach grotesk. Was hab ich getan? Ich habe gelacht.
Am Ende beim schönsten Helloween-Haus der ganzen Gegend gab es dann endlich auch Trost für hinterherdackelnde Wächter-Hexen und Plastik-Monster: Glühwein gratis. Na bitte!

So kann ich also beruhigt zurückfliegen in den Jahreskreis – alles ist, wie es sein soll, menschlich und märchenhaft zugleich – und hinein tanzen in das neue Jahr der ewigen Spirale. Das neue Jahr beginnt bei den Kelten heute. Der Samen wird in die Erde gelegt und darf im Verborgenen wachsen, dort, wo die Feen wohnen. Neue Geschichten warten schon.

Liebe Grüße aus Anderwelt

P.S.: Übrigens sind japanische Märchen und Legenden ganz ähnlich offen und unvollendet wie keltische. Seltsam, oder?

Share Button