Gudrun und Angelina – Beitrag zur Blogparade Vorbild 2016 von Unkrig Personalcoaching

Als Jörg Unkrig mich bat, einen Beitrag zu seiner Blogparade „Vorbilder 2016“ zu schreiben, fiel mir sofort „Timur und sein Trupp“ ein, ein viel gepredigtes Vorbild aus DDR-Kindertagen. Einer, der allen hilft, sein Freundestrupp immer im Schlepptau. Und das Wort „Vorbild“ von der Deutsch-Lehrerin imaginär an die Stirn gepappt!

Für ein Mädchen als Vorbild allerdings schwierig. Da gab es, glaube ich, nur ein Mädchen in seiner Truppe.

Es war eher Gudrun, die mich prägte. Eine nordische Sagen-Heldin, niedergeschrieben in einer berührend-melodiösen Poesie von Alma Johanna Koenig. Es war eines dieser Bücher, die ich ungefähr zwischen 9 und 14 in alle Urlaube und Ferienaufenthalte bei meiner Großmutter mitschleppte. Ich las es oft wieder von vorne, wenn ich die letzte Seite umgeschlagen hatte. So kam es schon mal vor, dass ich es 5 oder 6 mal hintereinander las.

Vielleicht ist eine altgermanische Königstochter auch ein schwieriges Vorbild für die heutige Zeit. Sicherlich gibt es diese Art Hofhaltung und auch die strenge hierarchische Ordnung von Lehensherr und Lehensmann ist kaum noch nachzuvollziehen.

Es geht um Treue, vor allem zu sich selbst. Gudrun, die von vielen Heiratswilligen umworben wird, entscheidet sich für den einen richtigen Mann. Sie versprechen sich die Ehe, doch ein anderer, abgewiesener Mann, gekränkt in seinem Stolz, entführt die Königstochter, angestachelt von seiner Mutter, die sich einbildet, ihren Sohn dadurch in seinem Stand zu erhöhen. Er scheint tatsächlich auch verliebt, scheitert aber an Gudruns unbedingtem Willen, ihrem Versprechen und ihrer Liebe treu zu sein. Die Rache der Mutter des Abgewiesenen ist schlimm, denn Gudrun verliert alles bis auf ihr Leben.
Nach sieben Jahren wird sie erlöst, nach dem sie diese harte Zeit in Stolz und Würde, aber auch viel Klugheit durchgestanden hat.

Ich finde, diese Geschichte ist auch heute noch brauchbar. Es zählt nichts so sehr wie die Treue zu sich selbst, auch wenn das heißt, dass es nicht der leichteste Weg ist. Treue zu sich selbst bedeutet, seinen Weg zu gehen oder vielleicht besser: zu tanzen. Mit allen Umwegen, in der angemessenen Zeit, mit aller Liebe, die wir aufbringen können.
Von Gudrun habe ich gelernt, beharrlich und geduldig zu sein (und das als Widder!) für das, was meinem Herzen das wichtigste ist. Das kann für andere Menschen anstößig, unverständlich, verwirrend sein. Und dafür hat Gudrun auch eine Antwort: Sie leidet unter Demütigung, Erschöpfung, Sehnsucht und der ständigen Verlockung, mit einem einfachen, kleinen „Ja“ all das beenden zu können. Aber sie weiß, dass sie das Richtige tut.

Wann warst Du das letzte Mal wirklich sicher, dass Du das tust, was für Dein Herz das Richtige ist?
Es ist gar nicht so schwer: Du kannst es fühlen. Wenn es sich schwammig, wacklig, unsicher, aber trotzdem einfach nur schön anfühlt, dann ist es richtig.

Foto von M. Krumbiegel-Erdmann

Vor ein paar Jahren war Angelina Jolie ein großes Vorbild für mich. Nicht nur, dass sie eine großartige Schauspielerin ist, sie ist auch eine attraktive Mehrfach-Mutter. Ich dachte mir damals: Wenn sie das schafft, schaff ich das auch! Verrückt, denn ihre Lebensumstände sind so vollkommen anders als meine. Und trotzdem, es hat funktioniert.

Von Angelina habe ich gelernt, dass die Vorbilder gar nicht groß genug sein können. Die meisten Mehrfach-Mütter, die ich damals kannte, hatten ihre Weiblichkeit verloren zwischen Weckerklingeln, Putzen und Hausaufgabenhilfe. Ich kann das gut verstehen, diese Wucht an Anforderungen kann erschlagende Ausmaße annehmen. Viele haben leider auch ihre Lebensfreude verloren und agieren nur noch, um den Laden am Laufen zu halten. Jemand, der nicht glücklich ist, kann kein Vorbild sein.

Angelina hat hart daran gearbeitet, natürlich viel zu sehr gehungert, schließlich ist sie Hollywood-Schauspielerin. Das hatte keine Vorbildfunktion. Dafür aber ihr Wille, die zu sein, die sie nun mal ist.

Heute muß ich oft lächeln über die verwunderten Gesichter, wenn ich sage, ich habe vier Kinder.
Es macht mir einen diebischen Spaß, diese verstaubte Vorurteilskiste ordentlich in den Köpfen meiner Gesprächspartner zu entsorgen. Ich kenne inzwischen jede Menge schöner, weiblicher und lebenslustiger Mütter.

Also, kein Stern ist zu hoch, wenn er zu Dir paßt!
Du kannst genauso leuchten.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt.

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Fühlst Du Dich wie Aschenputtel?

Aschenputtel ist eines der bekanntesten Märchen der Brüder Grimm. Mehrfach verfilmt, in verschiedenen Varianten erzählt. Tatsächlich findet sich diese Motiv ist vielen Erzähltraditionen.

Was macht die Geschichte von dem entrechteten Mädchen, das durch Magie zur unbekannten Prinzessin wird, so anziehend? Ich glaube, es ist die Verwandlung. Oder besser gesagt, das Verwandlungspotential.

Und schon sind wir wieder in unserem ganz alltäglichen Leben. Dieses Potential schlummert in uns allen. Das Märchen erzählt auch, woher die Kraft für die Verwandlung kommt. Aschenputtel verbindet sich am Grab ihrer Mutter mit deren Geist. Er steht für vieles: die Ahninnen, die urweibliche Kraft in jeder Frau, die übersinnlichen Energien, wie Engel. Oder, um es schlicht mit Prof. Hüther zu sagen: dem Überbau, den jeder Mensch benötigt, um sich seelisch gesund entwickeln zu können.

Durch die Verwandlung wird Aschenputtel gezeigt, wer sie sein könnte. Die Zeit spielt bei dieser Verwandlung eine große Rolle. So ist es auch oft, wenn wir uns auf dem Heilungsweg befinden. Wir können vieles tun und wir wünschen uns, jeder dieser Wege möge schnell zur Heilung führen.

Der Ort, an dem wir uns gerade befinden, ist leidvoll. Deshalb machen wir uns ja auf den Weg zur Heilung. Es gibt genug Gelegenheiten auf diesem Weg, die uns erzählen, wie wenig geheilt wir uns fühlen. Da gibt es diese Ausflüge in den Palast des Königs zum Ball, aber der Alltag sieht anders aus.

Das Märchen erzählt von der Hoffnung. Es macht Mut, denn es verspricht, dass Verwandlung möglich ist.

Das Gefühl, ein Aschenputtel zu sein, ist den meisten Menschen sehr vertraut. Ein anderer Aspekt ist nämlich die fehlende Anerkennung, die sich hier ausdrückt. Sie wird nicht nur nicht anerkannt, wenn sie eine Aufgabe gut gelöst hat, wird ihr noch mehr aufgebürdet.

Das Märchen erzählt auch davon, woher die Kraft kommt, das zu ertragen.
Natürlich von der Hoffnung, aber vor allem von der Gewißheit, durch alle Zeiten hindurch getragen zu sein von der Magie des Göttlichen.
Doch ohne den Menschen, ohne unsere Entscheidung, uns diesem Göttlichen anzuvertrauen, kann keine Magie wirken.

Die Verwandlung vom Aschenputtel zur Prinzessin beginnt damit, sich selbst so zu akzeptieren, wo man gerade ist.
Und dies anzuerkennen. Die Anerkennung für unser Sein kommt niemals von außen, sondern von uns selbst.

Ich werde Dir ein wenig helfen, denn hier kommen drei Gründe, warum Du kein Aschenputtel bist:

1. Was immer Du tust, Deine Arbeit ist wertvoll. (Schau einfach genau hin.)

2. Du bist ein wundervoller Mensch und Dein Hiersein ist von Bedeutung. (Denn Bedeutung ist eine Frage der Definition.)

3. In Dir leuchtet ein Licht, ein göttlicher Funke, sonst würdest Du nicht existieren.

Manchmal reicht das aber nicht.
Wenn Du Dich nicht mehr wie Aschenputtel fühlen möchtest, begleite ich Dich wirklich gern dabei.

Ich freue mich auf Deine Nachricht. Hier kommst Du zum Kontaktformular.

In diesem Sinne!
Herzliche Grüße aus der Anderwelt.

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Loslassen mit Hans im Glück

Da geht mir also mein Rechner kaputt, zack-bumm-Klappe zu, Affe tot.
Tja, tatsächlich, denn ich bin im chinesischen Horoskop ein Affe und sämtliche Texte, Notizen und …. bäh … auch Passwörter unerreichbar. Quasi ein kleiner Tod.

Inzwischen ist mein gutes Stück in ebenso guten Händen, die wichtigsten Passwörter verdanke ich der freundlichen und umsichtigen Geduld von Wolfram Lührig, meinem großartigen WordPress-Coach ( http://wordpress.wolframluehrig.de ) und schreiben kann ich auch. Da es unendlich mühsamer ist, auf einem Tablet zu schreiben, als mit zahn Fingern auf der Tastatur, wird dieser Blog auch nur kurz.

Aber viel wichtiger ist, dass das Wichtigste nicht auf dem Computer, sondern im Kopf ist.
Eigentlich wollte ich über Sozialisation und „Aschenputtel“ schreiben, das darf dann warten, bis sich wieder alle zehn Finger betätigen können. Mir fiel jetzt eine ganz andere Geschichte ein.

„Hans im Glück“ ist kein Märchen und auch nicht wirklich eine Schelmengeschichte. Am ehesten scheint mir in ihr noch die alte Weisheitsgeschichte auf, die in alten Zeiten als Lebensschule und Ratgeberin diente.

Als Kind habe ich diese Geschichte oft von der Schallplatte gehört, wenn ich krank war, und ich habe mich jedesmal gefragt, warum er denn bloß alles weggibt und am Ende auch noch glücklich ist. Man weiß einfach nicht, ob man Hans, der am Anfang einen Goldklumpen besitzt und am Ende nichts, bedauern, auslachen oder beneiden soll.

Wie so oft, kann sich jeder selbst die Ebene aussuchen, die passend ist. Er tauscht seinen Besitz immer dann, wenn er unzufrieden damit ist. Aber jedesmal ist er glücklich, wenn er es getan hat.

Für mich ist heute diese Fröhlichkeit und Unbekümmertheit die Botschaft. Es könnte nämlich auch eine Geschichte über Verlust und Loslassen sein. Zu keinem Zeitpunkt bedauert er das Verlorene, sondern ergreift die Gelegenheit, sich aus seiner Perspektive zumindest zu verbessern. Die Geschichte endet damit, dass er glücklich zu seiner Mutter zurückkehrt. Sozusagen zurück zu den Wurzeln.

Also, wenn sonst nichts mehr hält, fröhlich zurück zu den Wurzeln. Miteinander reden, Zettel und Stift benutzen und Gehirn einschalten.

In diesem Sinne!
Herzliche Grüße aus der Anderwelt.

Hans im Glück – Audiodatei

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Freiheit beginnt im Kopf – Cerridwen’s Kessel

Schwan_2010-03-21
Neulich hörte ich mal wieder von jemandem, wir „Ossis“ hätten ja alle was zu verschweigen.
Das mag sein. Es ist schlicht und einfach Selbstschutz. Mal ganz abgesehen davon, dass die Einteilung in Ossis und Wessis nun wirklich überholt ist, macht wohl jeder, der es braucht, von diesem Selbstschutz Gebrauch, unabhängig von Geschlecht, Sozialisation und Alter.

Aber um das schöne Klischee zu bedienen: Auch ich will nicht darüber sprechen. Nicht über die Privilegien, mit denen ich ein paar Jahre aufwuchs, noch warum es sie gab. Und auch nicht über den Sturz, der mich mitriß bis in die Tiefen dieses Systems, einem Ort, wo es keine Masken mehr gab.

Zu schweigen ist eine Form von Freiheit. Ich bin frei von den Gefühlen, die diese Geschichte in den Zuhörern auslöst und auch in mir. Es ist wie das Öffnen der Pandorra-Büchse aus der griechischen Sage. All die herumfliegenden Teile dann wieder einzusammeln, dauert einfach zu lange.

Wann und worüber zu sprechen, will also gut überlegt sein.
Ich habe an den richtigen Stellen zur richtigen Zeit geredet, um Heilung zu erfahren.
Das reicht.
Es gibt viele Wege, sich frei zu fühlen, so viele, wie es Menschen gibt. Schweigen ist nur eine davon.

Viel wichtiger aber ist die Lektion über die innere Freiheit, die durch nichts zu zerstören ist.

Sie wohnt in jedem Menschen, ist für jeden erreichbar. Freiheit hat natürlich ein Gesicht, einen äußeren Ausdruck. Aber der hat nichts mit den Umständen zu tun, in denen wir leben. Wie oft begehen wir den Irrtum zu glauben, dass sich nur irgendetwas im Außen ändern müsse, um endlich frei zu sein.

Es gibt keine Gefängnisse, so absurd das uns auch erscheinen mag.
Freiheit ist immer ein Verwandlung zur Selbstermächtigung. Jeder Mensch ist frei, zu gehen oder zu kommen. Dafür gibt es viele Möglichkeiten, auch wenn es im Außen nicht so aussieht. Zum Beispiel kann Krankheit eine (eher unbewußte) Möglichkeit sein, sich zu schweren Aufgaben zu entziehen.

Aber was wäre, wenn wir diesen Weg in die Freiheit ganz bewußt wählen würden?

Dazu gehört das Wissen um die freie Entscheidung und der Mut, sich Grenzesituationen zu stellen. Denn es muß klar sein, dass innere Freiheit etwas damit zu tun, voll und ganz Ja zu seinem Leben zu sagen, in allen Facetten, mit allen Brüchen, allen Entscheidungen. Erst dann werden wir nicht mehr manipulierbar.

Denn das größte Gefängnis ist die Macht, die andere über unseren Geist haben.

Und wir lassen das zu. Weil wir uns so nach dem Gefühl der Freiheit sehnen.
Was gibt es da nicht alles für Fluchthelfer! Im Groben reicht es vom Essen über Alkohol, Filme, Computerspiele, Drogen bis zur Kaufsucht. Es ist der tiefe Wunsch nach Linderung eines Schmerzes, dem wir nicht ausweichen können. Wir versuchen, ihn zu betäuben, ihn zu vergessen oder wenigstens erträglicher zu machen. Auch das darf sein. Diese Erfahrungen sind sogar oft notwendig auf unserer Heldenreise.

Was wäre, wenn das alles unnötig wäre?

Wenn ich jemandem sage, er braucht das alles gar, er könne sich doch einfach erlauben zu träumen! – werde ich sehr erstaunt angesehen. Meist möchte man das nicht wahrhaben, es ist zu verrückt. Tagträume sind doch verboten und Blödsinn obendrein.
Wer „nicht ganz da“ ist, wird nicht ernst genommen, „Träum nicht!“ ist der strenge Vorwurf, der sich durch viele Schulstunden und: „Wo bist du denn nur wieder mit deinen Gedanken!“ ist die verbale Ohrfeige, die die Tür zur Anderwelt schmerzhaft zuschlägt.

Und noch einmal: die Gedanken sind frei!

Die inneren Bilder sind von außen unerreichbar und unzerstörbar.
Jeder hat seine innere Welt, nur fehlt oft der Mut, sich darauf einzulassen.

In anderen Kulturen war das Überschreiten dieser Grenzen von Hier zum Dort selbstverständlich.

In den alten Geschichten der Kelten, aber auch vieler anderer Kulturen, zieht sich die Leichtigkeit dieses Weltenwandelns durch wie ein roter Faden. Für mich besonders bedeutsam ist das Motiv der Schwanenjungfrauen oder Vogelfrauen, das es in ganz Europa und sogar in Asien gibt. Es geht immer darum, dass Vögel sich in Frauen verwandeln, oft an einem See, um dort zu baden. Der Held der Geschichte stiehlt das Federkleid und gewinnt so ein Eheversprechen. Doch er hält meist sein Versprechen an seine Frau nicht, verrät sie zum Beispiel an seine Familie, und sie verläßt ihn, fliegt davon, denn sie hat ihr Federkleid wiedergefunden. Der Held geht auf die lange und beschwerliche Suche und damit gerät das ganze Unternehmen zu einer Heldenreise, dem bewußten Weg zur eigenen Wahrheit. Für beide übrigens.

Die germanische Göttin Frejya ist bekannt für ihr Federkleid, das sie sogar dem listigen Gott Loki ein paar Mal ausleiht. Die Walküren, die Schwanenjungfrauen, waren ihre Gefolgschaft.
Der Schwan galt lange als Bote der Götter, erst im Christentum wurde er zum Todesvogel. Unser Wort „frei“ kommt von dieser Göttin, ebenso das Wort „Frau“.

Die freie Königstocher

Ganz besonders berührend ist auch die alte nordische Gudrun-Sage, die voller Epos von der Königstochter Gudrun erzählt. Sie wird entführt von einem abgewiesenen Heiratsbewerber, hat sich aber schon einem anderen versprochen. In ihrer siebenjährigen Gefangenschaft bleibt sie standhaft und treu, obwohl ihr sehr übel mitgespielt wird. Gerade in ihrer Treue ist der freie Geist zu erkennen, der diese Sagengestalt so besonders macht. Ihr wird die Nachricht ihrer Rettung übrigens von einem Schwan überbracht.

Innere Freiheit hat also nichts damit zu tun, alle menschlichen Bindungen einzureißen.

Das zeigt sich auch in den Märchen um die Schwanen- oder Vogelfrau. Immer hinterläßt sie einen Hinweis, wie sie zu finden ist.

Werden diese Bilder auf die Seelenebene übertragen, ist leicht zu erkennen, dass die Fähigkeit des freien Fluges einen Preis hat. Es ist die Heldenreise, die Verwandlung, die mit Eigenschaften wie Zielstrebigkeit, Entscheidungskraft, Kampfgeist, also eher männlichen Eigenschaften zu meistern ist.

Cerridwen und Taliesin

Weil es – bemerkenswerter Weise! – so viele Geschichten von Frauen und Freiheit gibt, erzähle ich heute ganz bewußt eine Geschichte über einen Mann, den sehr berühmten keltischen Barden Taliesin bzw. wie er dazu wurde. Nämlich nur durch Verwandlung und das scheint mir ein Weg zu wahrhaftiger Freiheit zu sein. Seine Freiheit besteht in seiner Klugheit und Schnelligkeit, mit der er sogar einer Zauberin (im eigentlichen Sinne einer Göttin) widersteht. Sie siegt zwar, aber nur bedingt, denn am Ende muß sie ihm den gestohlenen Segen lassen, der ihn zum größten Barden seiner Zeit machte.

Zurück im Hier und Heute

In der modernen Hirnforschung ist längst erwiesen, dass wir für unsere seelische Gesundheit Reisen in andere Bewußtseinsebenen brauchen. Bewußt zu träumen ist nur eine der Möglichkeiten. Visionssuchen, Tranceerfahrungen wie Trommeln, Tanzen oder Schwitzhütten haben auf dem Lebensberatungs- und spirituellen Markt einen starken Aufwind. Zu Recht. Auch das Theaterspielen ist eine solche Reise, denn in einer Rolle, einer Maske, einer Geschichte können wir erfahren, wie es das Wandern in anderen Welten ist.

Mit viel Gewalt und Manipulation sind wir seit Jahrhunderten aus unseren eigenen Seelenwelten vertrieben worden.
Es wird Zeit, uns diese Welten zurückzuerobern.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

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Unabhängigkeit – Die Geschichte der Königin Rhiannon

BallonsIn letzter Zeit spreche ich häufiger mit Frauen, die kurz vor der Trennung von ihrem Partner stehen. Immer sind Kinder mit im Spiel. Es sind kraftvolle, oft spirituelle, wache Frauen mit einer großen Sehnsucht nach einem authentischen Leben. Das Gefühl, alles lastet auf den eigenen Schultern, die Organisation in der Familie, die Arbeit, die Stimmung in der Familie, der Kontostand, die Schule und natürlich der Zustand der Partnerschaft. Zu wissen, dass frau so vieles versucht hat und die Schere nur noch größer geworden ist. Sich gefangen zu fühlen zwischen allen Stühlen und nur noch ein kleiner Ruck fehlt, der entscheidet, ob sich frau selbst nun endgültig verliert oder mutig, aber schmerzhaft auf den eigenen Weg begibt.
Der Ruf des Herzens nach Freiheit und Unabhängigkeit.

Der Preis der Unabhängigkeit.

Ich kann das sehr gut nachfühlen und ich bereue meine Entscheidungen diesbezüglich nicht. Vor fünf Jahren war ich nicht annähernd so in Frieden und Harmonie mit mir selbst wie heute. Doch gleichzeitig kommt mir auch der Gedanke: „Ihr wißt nicht, was ihr für einen Preis für diese Unabhängigkeit zahlt.“

Es ist eine Tatsache, dass Mutter- und Frausein trotz aller Emanzipationsbewegung, Gleichstellung und Gleichberechtigung (die für mich, und ich weiß, dass das politisch unkorrekt ist, nur wenig mit echtem Frausein zu tun hat) weder angesehen ist noch respektvoll behandelt wird.

Schlechte Welt?

Nun könnte ich mich in die Ecke setzen und darüber jammern. Ich könnte mich plötzlich genauso gefangen fühlen wie vor der Trennung. Ich könnte mich nach einer Gesellschaft sehnen, die den Müttern mehr Wertschätzung entgegen bringt, auf alle Männer schimpfen und ihren patriarchalen Einfluß, die immer noch unsere Welt regiert.

Natürlich ist das eine ungerechte und wenig zielführende Verallgemeinerung. Doch dann geht es weiter.

Die plötzliche Erkenntnis, dass die eigenen Kinder unter der Entscheidung leiden und niemand ihnen diesen Schmerz abnehmen kann. Das Bewußtsein, wie einschneidend sich alles verändert hat und die Mühen, die es vorher so nicht gab. Die Frage, ob frau wirklich alles versucht hat und wie es wäre, wenn alles ganz anders gekommen wäre.

Alles darf sein.

Genau diese Gedanken – nicht die äußeren Umstände! – bringen wieder in die Abhängigkeit, der ich doch entfliehen wollte. Zunächst einmal dürfen sie einfach da sein. Alles will und muß gefühlt und gedacht werden, um der Seele zu erlauben zu gesunden. Es darf sich zeigen, ganz im systemischen Sinne.
Und dann darf es wieder gehen.

DENN: Unser gesamtes irdisches Dasein befindet sich in Abhängigkeiten.

Die Erfahrungen einer Trennung sind ja nur beispielhaft.
Die meisten Menschen jeden Geschlechtes fühlen sich abhängig vom Geld. Oder von was auch immer: Das Auto, die Eltern, die Mode, der Chef, der Staat, Essen, Wasser, die Medizin …

Natürlich sind wir abhängig und das sollte respektiert werden. Vor allem: Wir FÜHLEN uns abhängig. Punkt. So ist es.

Unabhängigkeit ist nicht an Äußerlichkeiten gebunden.

Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass ich in einer Gewissensdiktatur aufgewachsen bin, in der einheitliches Denken und Handeln gefordert war. Aber verwendbar ist die Erkenntnis, dass Unabhängigkeit ein Geisteszustand ist, für alle Menschen. Denn jeder Mensch befindet sich in irgendeiner Art Abhängigkeit. Selbst die reichsten und mächtigsten.

Die Sehnsucht nach Unabhängigkeit hat ihre vollste Berechtigung und ist ein wichtiger Wegweiser für notwendige Veränderungen. Die Seele sehnt sich nach Entwicklung. Doch sind wir ein Stück gegangen, kommen die Zweifel am eigenen Weg. Uns dämmert, dass wir nun schon wieder in Abhängigkeiten gelandet sind, ein Zustand, den wir doch eigentlich loswerden wollten.

Es ist ein schwerer Schritt, das einzusehen.

Innere Unabhängigkeit macht frei von den äußeren Umständen.

Sie entläßt uns nämlich aus den Zwängen und Nöten, die sich ständig in unserem Kopf abspielen. Geistige, gedankliche Unabhängigkeit setzt die natürliche Kreativität, die in jedem Menschen angelegt ist als Werkzeug der Problemlösung, frei.

Es drängt sich die Frage auf, wie man nun diese Unabhängigkeit findet.

Mir fiel in diesem Zusammenhang die Geschichte von Rhiannon, der Großen Königin, ein.
Zum Thema innere Freiheit und selbstbestimmtes Leben sind die alten Kelten einfach wegweisend für mich. Die Geschichte finden wir in der walisischen Geschichtensammlung Mabinogion. Es gibt verschiedene Ausschmückungen der Details, aber der Kern bleibt gleich, wo immer ich diese Geschichte auch lese.

Rhiannon oder Rigatona (ein Göttinnenname, weil „ona“) ist eine Feenkönigin. Sie kommt aus dem Reich unter den Hügeln und reitet auf einem weißen Pferd. Sie ist eine alte Pferdegöttin, deren Mythologie und Ritus in Legenden und Sagen aufgegangen ist, so wie es den meisten alten Göttern wiederfuhr.

Ihr Herz wählt den sterblichen König Pwyll zum Mann und damit gibt sie ihre Anderweltlichkeit auf. Sie warten lange auf ein Kind, doch endlich wird ein Sohn geboren. Das Kind verschwindet allerdings auf mysteriöse Weise kurz nach der Geburt. Die Dienerinnen, voller Angst, selbst dafür verantwortlich gemacht zu werden, beschuldigen Rhiannon, das eigene Kind gefressen zu haben.

Eine seltsame Strafe

Der König verhängt eine für uns heute merkwürdige Strafe. Rhiannon muß als Torhüterin jedem, der hereinkommt, ihre Geschichte erzählen und ihm anbieten, ihn auf dem Rücken durch den Hof zu tragen.

Welch Bedeutung Geschichtenerzählen hatte!!
Mythologisch gesehen geschieht hier eine Verwandlung, die Göttin selbst wird zum Pferd.
Doch darum soll es hier nicht gehen.

Verlust und Kummer

Diese Frau wird auf sehr schmerzhafte Weise gedemütigt. Bei den Grimm’s sollen in diesen Fällen (z.B. Marienkind, Die sieben Raben) die Heldinnen gleich sterben. In der keltischen Geschichte aber ist die Strafe weitaus schlimmer, denn für die Kelten war die Welt der Toten gleich der Anderwelt. Sie hat nicht nur ihr geliebtes Kind und die Liebe ihres Mannes verloren, sondern auch ihre Stellung als Königin, ihren Reichtum, ihr Ansehen. Sie muß auf ungewöhnliche Weise sehr hart arbeiten und wird dafür auch noch verachtet (denn ihre Geschichte klingt schändlich), ohne etwas dafür zu können.

Ein unabhängiges Ende

Am Ende geht es gut aus. Nach einigen Jahren kommt ein Mann mit einem Kind. Er hat von dem Schicksal der gestürzten Königin gehört und bringt ihr ihr Kind zurück. Es war auf wundersame Weise in seinen Stall gekommen und er hatte es wie sein eigenes Kind aufgezogen. Nun aber brachte er es zurück, denn er hatte erkannt, wohin es gehörte. Die Königin und der König (aha!) erkennen das Kind als ihr eigenes.

Was geschieht aber nach dieser Demütigung?
Rhiannon braucht keine Entschuldigung und keine Wiedergutmachung.
Sie setzt sich auf ihren Thron und ist einfach die, die sie schon immer war: eine Königin, eine Göttin. Weil sie es nie vergessen hat. In ihren Gedanken und Gefühlen war sie zwar die leidende Frau und Mutter, aber eben auch die strahlend schöne und mächtige Reiterin des weißen Pferdes. Sie hat selbst gewählt, wie sie sich sehen will. Und aufgrund dieses Wissen hatte sie die Kraft, all die Jahre durchzuhalten, denn sie hat sich ihre geistige Unabhängigkeit von den äußeren Umständen bewahrt.

Sie gilt übrigens als Beschützerin der verzweifelten, zweifelnden, mühsam beladenen Menschen, die das Gefühl haben, die ganze Last der Welt liege auf ihren Schultern.

Jeder Mensch hat immer die freie Entscheidung.

Bleiben wir in der Opferhaltung und finden tausend Gründe dafür, sie nicht verlassen zu können? Oder lassen wir los und halten Ausschau nach anderen Möglichkeiten?
Das Leben ist nach wie vor ein großes Rätsel. Daran kann keine Abhängigkeit etwas ändern.

Wir haben alle eine eigene innere Welt und bringen sie ständig zum Schweigen.
Aber genau dort wohnt unsere Unabhängigkeit, in welchen Bildern auch immer. Ob sie nun märchenhaft sind, sich im Weltraum befinden, in vergangenen Zeiten und Epochen. Alles ist möglich, alles, wofür unser Herz schlägt. Was dort ist, hat seine Berechtigung. Es ist ein Spiegel unserer Seele. Eine bewußte Reise dorthin wird uns viele Antworten bringen.
Der Geist will frei fliegen. Lassen wir ihn doch endlich!

Und das Beste ist: Nichts und niemand kann darauf zugreifen, wenn wir es nicht wollen.
Denn Freiheit fängt im Kopf an.

Aber das ist eine andere Geschichte.

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Heiligt der Zweck die Mittel? – Das Tapfere Schneiderlein

Märchen„Du sollst nicht lügen.“

Dieses biblische Gebot hat wesentlich unsere europäische Kultur geprägt. Obwohl es seit Tausenden von Jahren auf dem Markt der Seelen ist, gab und gibt es wohl kaum Menschen, die noch nie in ihrem Leben gelogen haben.

Es gibt wahrscheinlich kaum eine Mutter, die noch nie log, um ihr Kind zu beschützen.
Wieviele Menschen haben nicht schon gelogen, um das Leben eines anderen zu schützen? Zu DDR-Zeiten gab es etliche Christen, Kirchenangestellte und sogar Pfarrer, die deshalb gegen dieses biblische Gebot verstoßen haben. Es gibt noch viele historische Beispiele für diese Art Lügen.

Betrüger und Betrüger

Wir regen uns auf, wenn eine prominente Person öffentlich dabei erwischt wird, dass sie gelogen hat. Wir finden es empörend, wenn uns dieses Schicksal im privaten Kreis trifft. Ent-täuschung nennen wir das.

Andererseits erfreuen sich Figuren wie Robin Hood, Sherlock Holmes und Mr. Ocean (aus „Ocean’s Eleven“ usw.) größter Beliebtheit. Immer wieder werden Geschichten und Filme populär, deren Hauptpersonen Trickster sind. Ja, Lügner und Betrüger.

Eine solche Geschichte ist auch „Das tapfere Schneiderlein“.

Eines der beliebtesten Märchen der Brüder Grimm handelt von einem Betrüger, der ein Held ist.

Er spielt mit der Vorstellung der anderen. Zu keiner Zeit sagt er, was oder wen er erschlagen hat. Es fragt auch keiner danach. Wie Eulenspiegel, der Meisterdieb und noch viele andere Helden von Schelmengeschichten, bedient er einfach die Urteile seines Gegenübers. Der erste Riese, das Volk und der König bekommen ihre Meinung bestätigt, dass er ein Kriegsheld sei. Diese Vorstellung fällt ihm dann aber auf die Füße, weil die anderen Kriegsherren des Königs sich plötzlich bedroht fühlen.

Bei der nächsten Aufgabe kann das also nicht mehr gelingen und die zweiten Riesen, das Einhorn und das Wildschwein müssen mit einer anderen Art Schläue besiegt werden. Aber auch hier nutzt das Schneiderlein die Eigenschaften seiner Widersacher. Die Riesen reizt er, bis sie in ihrer Dummheit sich gegenseitig tot schlagen. Das Einhorn bringt er dazu, sich selbst durch die eigene Wildheit in den Baum zu rammen. Und das Wildschwein rast blind vor Wut in die eigene Falle.

Doch bei seiner letzten Aufgabe, seinem endgültigen Beweis, dass das Schneiderlein es verdient hat, ein König zu sein, muß er sich gegen die eigene Frau behaupten. Und auch hier hilft ihm seine Schläue. Er tut so, als ob er schläft und spricht die Worte, die ihn letztlich unangreifbar machen.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Nun könnte man natürlich mit der Sinnhaftigkeit argumentieren.
Die Geschädigten sind ja reich oder Verbrecher oder sonst irgendein Grund, warum sie das verdient haben. Ich behaupte, das ist alles eine Frage der Perspektive.

Das ist vielleicht moralisch fragwürdig, aber es begeistert uns. Und in dieser Zeit des Paradigmenwechsels ist ohnehin die Frage, was noch gilt und was nicht. Alles, was einmal einen Wert hatte, zerfällt. Vertrauen, Treue, Zuverlässigkeit, Wertschätzung.
Woran halten wir uns noch?

Vielleicht ist auch dafür das Märchen ein Wegweiser.

Unbeirrbar geht das tapfere Schneiderlein seinen Weg und nutzt die Möglichkeiten, die er hat, um der Welt zu zeigen, wer er wirklich ist: Ein König!
Es mag diese Unbeirrbarkeit sein, von der uns das Märchen wirklich erzählen will. Von dem Mut, sich Aufgaben zu stellen, die übermenschlich erscheinen. Und der Kunst, sich seinen Platz in der Welt zu erobern mit den Mitteln, die dafür erforderlich sind. Oder eben: Die Rolle zu spielen, die das Stück gerade vorgibt.

Also heiligt doch der Zweck die Mittel?

Diese Frage ist nicht zu beantworten. Denn was ich für moralisch richtig oder verwerflich halte, muß ich mit meinem Gewissen vereinbaren können. Am Ende geht es immer darum, das, was ich für wertvoll halte, zu beschützen und zu retten.

Lüge und Betrug kann von jedem für alles benutzt werden. Es kann die Vernichtung eines Lebenskonzeptes bedeuten, aber auch den Schutz einer Privatsphäre. Ich habe aufgehört, darüber zu urteilen.

Und letztlich bleibt die Frage, was Wahrheit eigentlich ist.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt.

P.S.: Ich habe heute das Märchen nicht auf einem Video, sondern als Audiodatei:
http://soundcloud.com/kati-pfau-1/das-tapfere-schneiderlein

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Respekt – Die Skelettfrau

Sternenhimmel„Respekt“

– dieses Wort war lange Zeit vollkommen substanzlos für mich. Als Machtmittel in der Erziehung kam es stets als Vorwurf daher: „Du hast keinen Respekt!“ Ich wusste nie genau, was damit eigentlich gemeint war, bis ich aufgab zu verstehen und mich den Erwartungen der überlegenen Erwachsenen einfach anpaßte. Überlebensstrategie.

Viel später begegnete mir das Wort wieder auf meinen vielfältigen Sinnfindungs- und Heilungswegen. Und dann als Forderung: „Du mußt …. (variabel einsetzbar: die Eltern, den Pfarrer, den Mann, den Lehrer, die Meisterin, deine Mitmenschen, den Arzt usw. usf.) respektieren, sonst kannst Du nicht heil werden!“ An der Stelle noch gerne biblisch unterlegt.
Wie sollte ich das denn anstellen?

Regelrecht abgewürgt hat mich dann der sicher gut gemeinte Satz etlicher echter sowie hohler Lebensratschlaggeber der Guru-Art: „Du mußt Dich selbst respektieren, bevor Du jemand anderen respektieren kann.“ Der Super-Gau!

Respekt basiert auf Gegenseitigkeit. Das ist schon mal klar. Ebenso Respektlosigkeit.
Aber wie kommen wir dahin? Was ist das überhaupt? Und welchen Wert hat Respekt wirklich?

Respektlosigkeit

Wie die meisten Frauen bin ich wohlerfahren in männlichen Respektlosigkeiten aller Art. Die Erfahrung der massive Grenzüberschreitungen blieb mir nicht nur nicht erspart, ich habe sie studiert. Und natürlich bleibt da eine Menge Wut. Diese Aufzählung ist unvollständig und nur ein kleiner Ausschnitt:

Von Fremden ungefragt berührt, ja sogar einfach in den Arm genommen zu werden, obwohl es keinerlei emotionale Grundlage, kein verbindendes Gespräch oder den Anflug von Sympathie gibt.

Mit Koseworten bedacht zu werden, die nicht auf der guten Kenntnis meines Charakters beruhen und die ich nur als Herabsetzung meiner Weiblichkeit werten kann.

Meine Ideen und Gedanken, die nicht ernstgenommen, über die verlegen gelächelt, über die hinweggegangen wird. Hauptsache, die Hübsche steht auf dem Foto neben so einem Mannsbild, das sieht immer gut aus.

Überhaupt die Ignoranz. Die stärkste und respektloseste Waffe, um das Herz einer Frau zu brechen. (Und hiermit meine ich alles, was mit Liebe getan wird, denn es wird mit dem Herzen getan.)

Ja, geht’s noch?

Sicher, manche Männer können hier auch mit grenzüberschreitenden Frauen, vor allem Müttern, aufwarten. Ich weiß von übelsten Geschichten dieser Art, die mich als Frau zutiefst entsetzen und beschämen. Deshalb ist mir das ganz wichtig: Ich verneige mich mit allem Respekt vor jeder leidvollen Erfahrung meiner Mitmenschen, ganz gleich welchen Geschlechts.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Ich entstamme einer Ahnenlinie von Frauen, die stets der Schemel ihrer erfolgreichen Männer waren. Mir ist sozusagen die Haltung des höflichen Klappehaltens und freundlichen Lächelns immanent. Na und, deswegen bin ich nicht harmlos.
Es hat lange gedauert, bis ich die Wut wirklich fühlen konnte. Erst dann wurde klar, dass die Wut nur gehen kann, wenn ich sie fühle. Denn ich will nicht in Wut leben und will diese Wut nicht meinen Kindern weitergeben, den Mädchen nicht und nicht den Jungs. Ich habe kein Recht dazu, meinen Kindern meine Konflikte überzuhelfen. Auch sie haben Respekt verdient.

Also, um der Kinder willen:

Was ist Respekt und wie kommen wir da hin?

In der Inuit-Geschichte „Die Skelettfrau“ findet sich eine Lösung.
Der Fischer, das Skelett einer Frau unlösbar an der verwirrten Angel hängend, rennt panisch in seinen Iglu. Er versucht ihr zu entfliehen, was nicht geht, denn das Gerippe klappert ihm an seiner Angel nach. Er bringt sie selbst in seinem Iglu, obwohl er weglaufen möchte.
Erst, als er in der Dunkelheit seines Iglus zur Ruhe kommt, gestattet er sich zu fühlen. Er sieht den Knochenhaufen und empfindet Mitgefühl. Aha!!
Er sortiert die Knochen in ihrer richtigen Reihenfolge, legt sich dann erschöpft nieder und schläft. Und erst dann, ja dann, geschieht das Wunder!

Wie in allen Geschichten und Märchen können wir selbst die Ebene auswählen, auf der wir sie verstehen möchten. Nehme ich hier den Mann und die Frau als eigene Seelenanteile, so ist schnell klar, was jede und jeder selbst für sich tun kann. Wenn der weibliche Anteil nur noch ein Knochenhaufen ist, warum auch immer, ist es Zeit, Mitgefühl zu haben. Für die verletzte Hingabefähigkeit, das Fließen, das Zuhören, das Geben, das Sich-öffnen, all die weiblichen Eigenschaften, die wir alle als Potential in uns tragen. Erst dann kann das Wunder geschehen.

Natürlich macht mich diese Geschichte auch nachdenklich. Könnte es sein, dass Respektlosigkeit einfach versteckte Angst vor wahrhaftiger Begegnung ist?

Achtsamkeit, Anerkennung und Raum

Respekt – das ist alles: in und an sich selbst, Körper, Geist und Seele anzunehmen, anzuerkennen, achtsam die Grenzen zu wahren – eigene und die des anderen, die Situation des Jetzt, die Bürde des Gestern, die Visionen des Morgen, einfach den Weg, für den die Entscheidung gefallen ist.

Ich weiß nichts besser, was einen anderen betrifft!!!
Ich nehme nur wahr, was das Potential ist, was sein könnte, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten da wären. Natürlich hat jeder Mensch seine Wertmaßstäbe, seine Erfahrungen, seine Einschätzung der Lage und die sollten kommuniziert werden. Wofür sich dann ein Mensch entscheidet ist nicht meine Angelegenheit und nicht meine Verantwortung. Eine lebenslange Aufgabe, die mit Achtsamkeit und Liebe zu tun hat.
Und: Sie lohnt sich!

Der Lohn

Der Fischer hat sich entschieden, seine Angst loszulassen.
Die Frau hat sich entschieden, zu trommeln, zu tanzen und sich zu dem Fischer zu legen.
So einfach ist das.

Respekt ist, sich selbst und dem anderen den Raum zu lassen, der gebraucht wird. Das ist keine Frage von Geld, Status oder Besitz. Es ist eine Frage der persönlichen Integrität.
Und die fängt bei sich selbst an.

In diesem Sinne!
Herzliche Grüße aus der Anderwelt.

https://www.youtube.com/edit?o=U&video_id=xJWJgFZPwjY&feature=vm

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Wünschen – Die drei Wünsche

Adventszeit ist die Zeit der Wünsche.
Was wünschen wir uns nicht alles … und die Werbeindustrie tut alles, unsere Wünsche nicht nur wach zu halten, sondern jede Menge neuer Wünsche in unseren Köpfen zu produzieren.

Wenn es um Wünsche geht, dann auch immer darum, was wir brauchen und wofür.
Die Lernaufgabe dieser Zeit ist, wie mir scheint, die Frage: Was wünschst Du Dir WIRKLICH?
Sind wir tatsächlich glücklicher, wenn alle Wünsche erfüllt sind?
Und dann tun sich immer neue Wünsche auf.
Weil es eben doch nicht glücklicher macht oder nur für eine kurze Zeit, wie ein Bovist-Pilz, auf den man tritt oder eine Schneeflocke, die man einfängt. Ein kleiner Moment und dann puff.

Ich gebe zu, ich habe so meine Mühe mit der Fülle an Wunsch-Möglichkeiten. Natürlich liebe auch ich schöne Dinge, die einfach nur da sind. Aber schöne Dinge können gesehen und bewundert werden. Muß ich sie deswegen unbedingt haben? Eine Schneeflocke kann ich nicht festhalten. Aber der Moment, dieser eine kostbare Moment, bevor sie sich durch meine Körperwärme wieder in Wasser verwandelt, der ist ein Wunder, ein Geschenk.

Deshalb liebe ich es noch viel mehr, mir und meinen Kindern Erlebnisse zu schenken, kostbare Momente, Zeit, die besonders ist. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt besonders gut oder toll oder sonstwie mache. Aber ich weiß, dass es die schönen Erinnerungen sind, die bleiben, die das ganze Leben lang uns tragen und stärken. Sie sind immer abrufbar, wenn wir sie brauchen.

Natürlich gibt es bei uns Spielzeug unter dem Weihnachtsbaum. Frei bin auch ich nicht von der ganz materiell-handfesten Schenkerei. Zu sehen oder zu hören, wie die Beschenkten sich freuen, ist dann wieder etwas für meinen eigenen Erinnerungsfundus.

Und weil es mir selbst unendlich viel Freunde bereitet, Menschen zu beschenken mit dem, was ich im Überfluß habe, verschenke ich in der Vorweihnachtszeit Geschichten. Ich erzähle sie und schicke sie als Audio-Datei oder Sprachnachricht an all jene, von denen ich glaube, dass sie sich darüber freuen würden. Es ist einfach schön, meinen Schatz zu verschenken und es ist eine ganz persönliche Wunscherfüllung von mir.

Vielleicht habt Ihr ja auch Lust, in diesem Jahr das zu verschenken, was Ihr im Überfluß habt. Der eine mag Zeit in Hülle und Fülle haben, die andere Kekse, der nächste handwerkliches Geschick. Vielleicht gibt es so viele Bücher in Eurem Regal, dass einige davon verschenkt werden möchten oder Ihr habt selbstgekochte Marmelade übrig (na gut, die mag nicht jeder, also: Vorsicht!).
Wenn Ihr es liebt, Euren Überfluß zu teilen, dann ist das das größte Geschenk überhaupt.

Und ganz sicher erfüllt sich mit einer solchen Gabe auch so mancher Wunsch.

In der heutigen Geschichte erzähle ich eine Sage aus dem Alpenraum. Der Satz: „Bedenke was du wünschst, es könnte dir erfüllt werden.“ ist sicher vielen bekannt und wird auch zum Thema dieser kleinen Begebenheit.

Wenn hier der Herr Jesus Christ und der heilige Petrus als Zweiergespann auftauchen, die über das Land ziehen, dann ist ziemlich klar, dass es sich um eine sehr alte, weit vorchristliche Sage handelt, die einfach den vorherrschenden gesellschaftlichen Vorstellungen angepaßt wurde. Die Konstruktion mit zwei „Helden“ geht auf eine alte keltische Vorstellung zurück, in der Krieger-Fürst und Druide (also der Botschafter der Götter und Gelehrte der Lebensgesetze) eine notwendige Einheit bildeten. Keiner war dem anderen untergeordnet, sondern jeder hatte seine wichtige Funktion, um die Geschicke der Sippe oder des Stammes weise zu leiten. Diese Vorstellung findet sich sehr deutlich noch in Artus und Merlin, aber auch in einigen anderen keltischen Geschichten. Und der Alpenraum ist keltisches Kernland.

So kann also getrost davon ausgegangen werden, dass die Frage nach dem richtigen Wünschen schon eine sehr alte Sache ist.

Na, dann wünsche ich mal was:
Möget Ihr diese Zeit des Wünschens und Schenkens genießen, auf dass sie eingehe in Euren eigenen Schatz der kostbaren Erinnerungen.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

P.S.: Wer sich der Gruppe der von mir Geschichten-Beschenkten anschließen möchte, sprich: auch eine erzählte Geschichte von mir bekommen möchte, schreibt mir einfach eine kurze Nachricht und wohin ich die Geschichte schicken soll (Mail, WhatsApp, Facebook). Es gibt noch Geschichten zum 4. Advent, zur Wintersonnenwende, zum 1. Weihnachtsfeiertag und Neujahr.

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Nikolaus-Blog: Rute oder Süsses – Wie Rübezahl auf den Tisch sprang

Frostblüten
Ach ja, der „gute“ Nikolaus, welche Wandlungen hat diese Figur nun schon vollzogen!

Geschichten einer alten Göttin

Die traditionell-christliche Deutung führt ihn auf den heilig gesprochenen Bischof Nikolaus von Myra zurück. Bei Wikipedia stehen 13 Legenden, die ihm zugesprochen werden. Sie sind ein Sammelsurium wohl- und wundertätiger Handlungen. Schaut man ein wenig tiefer, fällt ein fürsorglicher, ich würde sogar sagen: mütterlicher Anstrich auf. Myra war ein großes Kultzentrum der Göttin Artemis bzw. Kybele. Eine Legende berichtet, dass Nikolaus ihren gewaltigen Tempel eigenhändig abriß. Wie in vielen alten Geschichten ist hier Vorhandenes integriert und Neues installiert worden. Die Entwicklung der Menschheit ging in eine bestimmte Richtung und dieser wurde alles Vorherige untergeordnet.
Man, und vor allem Frau, kann darüber wütend sein. Es ist aber auch möglich, die Kunst der Wandlung darin zu erkennen. Eine neue Zeit war angebrochen, die christliche Machtübernahme war in vollem Gange. Interessanterweise sollten heidnische Inhalte ausgerottet werden und haben es doch bis heute in unsere Wohnzimmer … ähm … Schuhe geschafft.
Es ist bloß eine Frage der Perspektive.

Und was ist das mit der Rute und dem Süßkram?

Früher wurden im November die Kinder in den Religionsunterricht geschickt und mussten ordentlich schufften, um kirchen-tauglich zu werden. Wie alte Erziehungsmethoden dabei funktionierten, brauche ich sicher nicht ausführen.
Zum Namenstag des Hl. Nikolaus fand die Prüfung statt. Wer nicht gut genug war, bekam es mit der Rute. Und wie die Belohnung aussah, können wir uns auch vorstellen.
Bestrafung und Belohnung regierten jahrhundertelang den Umgang mit Kindern.
Heute ist der Bestrafungsanteil durch die Rute anderen Methoden gewichen. Am ehesten könnte vielleicht eine natürliche Konsequenz dafür herhalten: „Oh, man, ist mir schlecht von den vielen Süssigkeiten.“ Das wäre dann weniger gezielt, die Nachhaltigkeit eher fragwürdig, aber auf jeden Fall unangenehm.
In den Erziehungsmethoden, die durchaus auch vor- bzw. nicht-christlich sind, ging es um entweder-oder. Das Kind sollte dazu gebracht werden, das zu tun, was die Erwachsenen für gut hielten. Es gab nur zwei Seiten, ein Dazwischen war nicht möglich. So wurden wir seit vielen Generationen auf Dualität getrimmt. Wir wissen, was Gut und Böse, Richtig und Falsch ist. Ein Wissen, dass uns hilft, in der Gemeinschaft der Menschen zu überleben.
Und doch weckt diese Mischung aus Grusel und Freude, so seltsam das auch klingt, einen uralten Reiz aus. Wenn wir bereit sind, gängige Moralvorstellung mal einen Augenblick beiseite zu lassen, können wir ihn spüren.

Angreifen oder weglaufen

Es gibt viele alte Götter-Geschichten, in denen von genau diese Zwiespältigkeit erzählt wird.
Zwiespältige Situationen führen uns in eine nicht alltägliche Bewußtseinslage. Wir können nicht angreifen und nicht weglaufen. Angriff oder Flucht sind unsere uralten Überlebensinstinkte. Diese Instinkte haben vielfältige Auswirkungen und Abstufungen und beherrschen den größten Teil unseres Lebens.
Solche Situationen, egal wo und wann, lösen immer erstmal Verwirrung und Ängste aus. Wir müssen überleben und haben plötzlich keinen Plan mehr, wie.
Theaterspielen ist zum Beispiel so eine zweispältige Situation. Auf der Bühne, vor Zuschauern geht weder das eine noch das andere. Ich habe zum Beispiel vor jedem Auftritt ordentliches Lampenfieber, egal wie sicher ich mir meiner Fähigkeiten bin. Dieser nicht besonders angenehme Zustand bringt mich aber dorthin, wo ich meine Funktion als Geschichtenerzählerin sehe. Ich weiß, wie ich mit diesem Zustand umgehen muß und ihn mir zunutze mache. Für die Fürsorglichen und Hilfsbereiten: Danke, aber ich lasse ihn mir unter keinen Umständen nehmen.
Denn genau in diesem Dazwischen findet die Magie statt, die nur durch Vertrauen und Hingabe zu meistern ist. Und dann dürfen wir eine der wichtigsten menschlichen Erfahrungen machen:
Das Wunder, das geschieht, wenn wir die Kontrolle aufgeben.

Nikolaus als Schamane

So hat also für mich auch unser Nikolaus etwas durchaus Schamanisches. Er bietet uns mit seiner Rute/Süssigkeiten-Mischung an, durch ein Fenster in eine uralte Hütte zu schauen. Wir sind nicht mehr da drinnen, aber wir können sehen, uns inspirieren, berühren lassen. Wir müssen das nicht tun, jeder darf seines Weges gehen, wohin immer er möchte. Vielleicht aber ist da etwas zu entdecken, wir könnten sogar lachen. Weil nämlich unangenehme Erfahrungen einfach auch anstrengend sind, darf es das Lächerliche, Alberne geben, das uns überrascht, möglicherweise erschreckt und dazu bringt, etwas ganz Neues zu erfahren, mehr Raum in unserem Leben zu erkennen, als wir dachten, und uns beschenken zu lassen.

Und nun noch der listige Rübezahl

Wie in einer Weihnachts-Geschichte von Rübezahl, des alten Berggeistes des Riesengebirges. Rübezahl vereinigt in seinen Legenden, wie Knecht Ruprecht und Nikolaus, so manchen Aspekte eines alten Gottes. Er bringt Menschen in merkwürdige Situation und schaut, wie sie sich verhalten. Haben sie ein gutes Herz, werden sie belohnt, sind sie geizig, gierig und hartherzig, bekommen auch sie ihren gerechten Lohn. Da haben wir es wieder, das Belohnungs-System!
Das Schöne an diesen Geschichten ist, dass die Mitspieler immer die Wahl haben, wie sie sich verhalten möchten. Genau dies ist die Prüfung.
In dieser Geschichte nun tut der alte Rübezahl etwas, was seine Gastgeber zutiefst erschreckt, weil es nicht ihren Erwartungen entspricht. Am Ende aber siegt das Lachen, eines der schönsten Geschenke überhaupt: wiedergewonnene Lebensfreude.

Für das Dazwischen brauchen wir die Wahlmöglichkeit und Offenheit, dass alles geschehen darf und alles seinen Platz hat. Wirklich alles.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

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Geschichten, die nicht erzählt werden – Die sechs Schwäne

Schwan_2010-03-21
Ich kann sie gut verstehen, die alten Männer, die den Krieg erlebt haben und nicht darüber reden wollen.
Hat man Schlimmes erlebt, wird es wieder lebendig im Erzählen. Die Bilder stehen vor Augen, die Gefühle kommen wieder hoch, werden noch einmal durchlebt. Viele Menschen scheuen sich davor, vergraben lieber alles auf dem Grund ihres Seelenteiches tief im Wald der Erinnerungen.

Erschreckende Erinnerung

Wie ein Frosch aus dem Winterschlaf steigt dann so eine Erinnerung von Zeit zu Zeit an die Oberfläche des Teiches und quakt laut, manchmal im Traum, manchmal durch eine beiläufige Bemerkung eines anderen, vielleicht eine Musik oder einen Ort von früher.
Und dann kann es passieren, dass der Frosch überlaut quakt, weil er lange nicht gehört wurde, so laut, dass der ganze Körper erzittert vor Schreck: Ach ja, da war noch was!

Das sind dann die Gelegenheiten, die wie ein Weckruf sind. „Befreie mich, zieh mich heraus, sonst ersticke ich und du gleich mit.“ Heutzutage gibt es Tausend Möglichkeiten, so eine alte Geschichte zu heilen. Reden und Zuhören sind oft wichtige Voraussetzungen dafür. Ich als Theatertherapeutin kann spielerisch in die verschiedenen Anteile der Seele führen, sie reden lassen und mit ihnen gemeinsam eine Lösung finden. In einem geschützten Raum ist alles möglich.

Zu viel Gerede

Dann gibt es aber auch die Geschichten, die durch das häufige Erzählen nicht besser werden. Das geschieht meist, wenn der alte Frosch nicht losgelassen werden kann, weil es sich so vertraut anfühlt, dieses Alte.
Es ist nur so: Irgendwann will der Frosch seines Weges hüpfen, die Seerosen wollen wieder blühen und die Schwäne über das Wasser gleiten. Da darf so eine Geschichte gern feierlich begraben werden, also in die Erde hineingehen. Und wie wir wissen, verwandelt sich alles in der Erde, im Verborgenen, Dunklen, Nicht-sichtbaren.

 

Heilende Zeit

Und es gibt das Schweigen, das notwendig ist zur Heilung. Damit etwas zur Ruhe kommen darf, sich eben im Nicht-sichtbaren, Nicht-hörbaren transformieren kann. Oft ist das die stärkste Phase der Heilung. Wir können sie nicht kontrollieren, sie passiert einfach. Zeit ist dabei das entscheidendste Heilmittel. Diese Aufgabe, die vertraute und selbstverständliche Handlung des Redens einmal wegzulassen, ist schwer. Leider ist das in dieser Version des Märchen nicht mehr nachvollzogen. In einer anderen Version heißt es, die Schwester muß aus Brennesseln die Hemden für ihre Brüder nähen. Da wird die Schmerzhaftigkeit viel deutlicher. Etwas auszuhalten, was so schmerzhaft und anstrengend ist, kommt einer Initiation gleich und geht nur, wenn das Ziel klar und hoffnungsvoll ist. Wir müssen wissen, warum wir das tun, sonst wird es zu einem sinnlosen, überflüssigen Leiden, einer Opferhaltung, mit der sich wunderbar die Umwelt manipulieren lässt.

Die Kraft des Schweigens

Etwas auszuhalten ist in dieser Zeit ein heikles Thema. Gerade unter Frauen war und ist es sehr heilsam, unerträgliche Zustände zu beenden, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, Abhängigkeiten zu beenden. Für Männer gilt das selbstverständlich auch, wird nur nicht so oft thematisiert.
Das hat aber nichts mit dem zu tun, was wir auch, wie in vielen anderen Märchen, in den „Sechs Schwänen“ finden. Hier geht es um eine ganz bewusste Entscheidung für das Wohl aller, denn die Schwester erlöst nicht nur ihre Brüder, sondern auch sich selbst, nebst König und sogar dessen boshafte Mutter. Die Mutter darf aus ihrer Rolle aussteigen, der König sich selbst und seinen Willen prüfen und die Brüder aus dem verzauberten Zustand zurückkehren. Die Schwester aber wäre nie diese Königin geworden, hätte sie sich nicht auf den Weg ins Schweigen gemacht.

Für mich ist dieses Märchen und all die Märchen mit ähnlichem Inhalt („Die sieben Raben“, „Marienkind“ usw.) eine schamanische Geschichte. Es erzählt von der Kraft des Schweigens zur richtigen Zeit, vom Durchhalten selbst in bedrohlichen Zeiten und vom Sammeln der Energie, um sie einem höheren Ziel zur Verfügung zu stellen. Das bringt an ungeahnte Grenzen. Die Brüder wissen das schon und wollen ihre Schwester zunächst abhalten, diese schwere Aufgabe zu übernehmen. Aber sie lässt sich nicht beirren. Vielleicht, weil sie auf ihre Intuition hört? Es bleibt ungesagt und somit dem Zuhörer und Leser überlassen, eine Antwort darauf zu finden.

Vom richtigen Zeitpunkt

Es geht nicht nur um das Schweigen zur richtigen Zeit, sondern auch um das Reden und Handeln. Die richtige Zeit ist die angemessene Zeit, die nur erfahren wird durch „das Lauschen auf die Schwäne“, wie es im Märchen heißt. Schwäne sind übrigens die Götterboten, sie bringen Botschaft aus der Anderwelt.

Stephenie Meyer, die Autorin der berühmten Bis(s)-Vampir-Romane, sagte einmal sinngemäß, dass ihre Bücher wohl deshalb so erfolgreich seien, weil sie eine Geschichte vom Warten auf den richtigen Zeitpunkt erzählen und dies sehr reizvoll für die junge Generation wäre.

Wie wir an den alten Märchen sehen, ist das keine neuzeitliche Sache, sondern schon seit altersher ein so wichtiges Thema, dass es immer und immer wieder in verschiedensten Variationen erzählt wurde.

Dann muß es wohl Sinn machen, oder?

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

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