Welche Rolle spielst Du? – Der Meisterdieb

book-1291164_960_720  Im Märchen „Der Meisterdieb“

gibt es, wie so oft in den Märchen, viele interessante Aspekte, die ich einzeln betrachten könnte. Der erste Teil zum Beispiel ist eine anrührende Geschichte zwischen Eltern und Kind und erzählt von bedingungsloser Liebe, denn die Mutter sagt: „Auch wenn er ein Dieb geworden ist, so ist er doch mein Sohn und meine Augen haben ihn noch einmal gesehen.“

Oder der zweite Teil, wie es zu den drei Proben kommt, die der Meisterdieb bestehen will. Die Frage, warum der Graf, der doch Diebe verabscheut, seinen Patensohn auf die Probe stellt, ist äußerst reizvoll. Ist es Neugier? Ist es die Lust an der eigenen Macht und dem Gefühl der Überlegenheit?

Listiger Gestaltwandler

Heute schreibe ich aber von der Art und Weise, wie der Meisterdieb seine Aufgaben löst. In der ersten Aufgabe spielt er den Soldaten ein altes Weib vor, in der zweiten tut er vor der Gräfin so, als wäre er der Graf. Und in der dritten führt er den Pfarrer und Küster als Apostel Petrus mit ihren eigenen Erwartungen an die Auferstehung an der Nase herum. Er verkleidet sich, er verstellt sich, negativ ausgedrückt gaukelt er anderen Menschen etwas vor. Nur so kann er die Probe bestehen, weil er sich darauf versteht, verschiedene Rollen zu spielen.

Ist das wirklich so negativ?fence-1080255_960_720

Das Märchen urteilt darüber anders, als wir es im moralisch-gesellschaftlichen Kontext gewohnt sind. Weil wir von Lüge und Betrug umgeben sind, wünschen wir uns Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Und die meisten Menschen glauben, Rollen zu spielen hätte etwas mit Lüge und Betrug zu tun.

Ich lese das immer wieder auf Seiten von Coaches und Lebensberatern, ob nun esoterisch, spirituell oder nicht. „Steig endlich aus der Rolle aus, werde du selbst!“, „Lege deine Maske ab und zeig dich, wie du wirklich bist!“

Und wer bist Du wirklich?

Für mich ist Schauspiel die uralte Kunst der Gestaltwandlung. Ich kann keine Gestaltwandlerin und Geschichtenerzählerin sein, wenn ich nicht wahrhaftig bin. Denn: Jede Rolle ist wahrhaftig.

Alles, was wir tun, jede Situation, jede Begegnung ist eine Rolle. Auch die Rolle, in der wir uns bewußt verstellen, um unser Ziel zu erreichen. Wir spielen auch eine Rolle, wenn wir mit unseren geliebten Menschen zusammen sind. Das alles sind wir! Je bewußter wir uns dessen sind, um so echter werden wir.fantasy-579810_960_720

Können wir jetzt niemandem mehr vertrauen?

Es ist gut zu wissen, dass jeder Mensch über diese Fähigkeit verfügt, auch wenn es meistens unbewußt ist. Das ist kein Urteil über gut oder schlecht. Es ist einfach eine Feststellung. Das ist der erste Schritt.

Vor vielen Jahren war ich Assistentin im Lehrbereich Medizinische Psychologie an der Berliner Humboldt-Universität. Dadurch kam ich in die außerordentlich lehrreiche Lage, sämtliche Vorlesungen für Medizin-Studenten in Medizinischer Psychologie zu hören, ganz einfach weil ich die Dias geschoben habe. Dort hörte ich etwas sehr Interessantes: Simulanten gibt es nicht! Denn jeder Mensch, der vorgibt, krank zu sein, hat ein ganz reales Problem, sonst würde er sich nicht die Mühe machen, eine Krankheit vorzutäuschen. Er hat ein psychisches Problem.

Es gibt also immer einen Grund, warum bewußt eine Rolle vorgespielt wird.

Und wenn wir noch einen Schritt weitergehen, gibt es auch immer einen Grund für Betrug und Lüge. Das ist keine Rechtfertigung, ich habe, wie die meisten Menschen, selbst sehr böse Erfahrungen damit machen müssen. Aber wenn wir uns die Mühe machen, hinter die Fassade zu sehen, kann es eine Möglichkeit sein, selbst Heilung zu finden: Vergebung.

Der nächste Schritt ist dann zu erkennen, dass wir selbst für viele Situationen im Leben die Fähigkeit des Rollenspiels nutzen. Wir spielen anderen etwas vor, um uns oder andere zu schützen, uns zu verstecken, uns einen Vorteil zu sichern. Letztendlich geht es um den Urinstinkt des Überlebens.

boy-805277_960_720Robin Hood

Und so verstehe ich das Märchen vom Meisterdieb. Seine Gewitztheit, die übrigens schon lange ein sehr beliebtes Geschichtenmotiv ist, rettet ihm nicht nur das Leben, es macht ihn sogar dem Grafen überlegen. Wir lieben diese Robin-Hood-Geschichten und wünschen uns selbst ein bißchen so zu sein.

Aber schau hin in Dein Leben, es ist doch schon so. Wenn Du Dir einmal die Zeit nimmst, findest Du bestimmt Situationen, in denen Du gewitzt die eine oder andere Rolle spielst, die nicht ganz den erwarteten Erziehungsgrundsätzen für ein „gutes Menschsein“ entspricht.

Das ist nicht verwerflich, das ist die Fähigkeit zu überleben.

Die wirklich wichtige Frage dabei ist: Bist Du dabei in der Liebe? Bist Du in Deinem Herzen und kannst Du es aus Deinem Herzen heraus rechtfertigen? Oder ist es Deine Angst, die aus dem Ego kommt?

Deine Rollen im Leben

Heute gebe ich Dir eine kleine Übung aus meiner Ausbildung zur Theater- und Schauspieltherapeutin mit, die Dir helfen kann, Dir Deiner Rollen bewußt zu werden.

masks-1242822_960_720Schreib doch mal in einer ruhigen Stunde alle Bereiche Deines Lebens auf und welche Rolle Du dort spielst. Es können die Archetypen sein, aber auch Film- oder Märchenfiguren.

Bitte bedenke, dass das eine Momentaufnahme ist.

2014 schrieb ich in meine Ausbildungs-Unterlagen Rollen auf, die ich heute so nicht mehr spiele. Sie haben sich gewandelt und das ist ein gutes Zeichen. Denn Rollen verändern sich mit unserer Bewußtwerdung.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Alles Liebe aus der Anderwelt.

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