Wach auf! – Schneewittchen

Das klassische Schlafmärchen ist ja gemeinhin „Dornröschen“. Bei „Schneewittchen“ snow-white-913740_960_720denken die meisten zuerst an den Apfel, die Sieben Zwerge und vielleicht noch an die Farben Weiß-Rot-Schwarz.

Dabei gibt es eine kleine, aber sehr entscheidende Szene, die wesentlich interessanter ist. Sie ist sogar die große Wendung, die Erlösung, das wirklich wichtige Wunder.

„Wach auf!“?

Imperative liegen mir nicht. Ich habe erst durch meine Kinder gelernt, Befehle zu erteilen, weil sie es geradezu einfordern, klare Ansagen zu bekommen. Ich mache es immer noch nicht gern und ich glaube, das geht vielen Frauen so. Durchsetzungskraft ist nun mal eine typisch männliche Eigenschaft und muß von uns Frauen erst integriert werden.

Dass das absolut notwendig ist, lehrt uns das Leben jeden Tag. Ämter, Chefs, Auftraggeber, Ehemänner. Manchmal muß ich lächeln, wenn ich wieder mal einen Blog oder ein Post von einem Lebensberater oder Beziehungsexperten lese, die Frauen mögen bitte endlich wieder weiblich und hingebungsvoll und weich sein. Klar, gerne, wenn es nicht ständig diese Situationen gäbe, in denen eine von irgendjemandem niedergetrampelt werden soll.

Aber seien wir ehrlich: Diese Jemands sind sowohl Männer als auch Frauen.

Folgen wir dem Gesetz der Anziehung, kommen diese Situationen ins Leben, um genau die Eigenschaft des Durchsetzungsvermögens zu lernen, nicht vor ihnen zu kapitulieren.

Imperative

Und jetzt erweitere ich mal das Ganze etwas. Natürlich kannst Du resignieren, Dich niedertrampeln lassen, in Deiner Opferrolle bleiben. Es ist egal, ob Du ein Mann oder ein Frau bist. Es ist Deine Entscheidung.

Es wird ja auch viel getan (von allen möglichen Leuten und Institutionen und Werbetreibenden), dass wir uns so fühlen sollen. Ein getriebener Mensch, gehetzt von der Angst um oder vor was auch immer, ein „Ich kann ja doch nichts machen“-Mensch, ist die leichteste Beute für jegliche Manipulation. Oder: „Ich muß das tun. Ich muß das haben. Ich muß das sein. Ich muß dort sein.“

Mit dieser Art Imperativen sperren wir uns selber ein.

Natürlich gibt es eine Art inneren Imperativ, eine Richtschnur, eine Vision. Für mich ist es das größte Glück auf Erden, dieser Vision folgen zu können. Sie zu finden, ist gar nicht so schwierig. Sie zu befreien von allen Blockaden, ist die größere Herausforderung.

Schneewittchen läßt sich treiben.

Sie kommt ins Haus der Zwerge und nimmt ungefragt, was sie vorfindet. Das hat mich schon immer gestört an ihr. Kann sie nicht warten, bis die Hausherren zurückkommen? Eben typisch Prinzessin. Und dann biegt sie das einfach wieder gerade mit ihrem süßen Lächeln und einen herzallerliebsten Augenaufschlag. Die Zwerge, die sich vorher noch zurecht beschwert haben, schmelzen wie Butter in der Sonne. Na toll.

Mangelnde Selbstbeherrschung zeichnet Schneewittchen auch weiterhin aus.

Immer nur fließen und weich sein und nehmen ist eben auch Mist. Ich kann Prinzesschen Schneewittchen schon verstehen. Auch als (Stief)Tochter bekam sie vieles, wenn auch nicht Liebe und Aufmerksamkeit. Als süßes Püppchen in der Ecke zu sitzen und den Mund zu halten, war meine Aufgabe in der Kindheit. Von Befehlsgewalt oder besser gesagt: Selbstwirksamkeit war da weit und breit nichts zu sehen. Und ich reagiere immer noch recht ungehalten darauf, wenn mich irgendjemand süß findet. Es macht mich wütend, weil es mir einfach nicht gerecht wird.

Wenn eine gute Freundin oder guter Freund es ehrlich meint, kann und darf natürlich alles gesagt werden, es geht nicht um ein Wort, sondern um Oberflächlichkeit.

Illusionen und Herausforderungen

Doch wie ich sehe, wenn ich so mein Buch des Lebens betrachte, finden sich jede Menge Klippen auf meinem Wege, die mich aus meiner eigenen Illusion vom „süßen Püppchen“ herausgeholt haben. Schaut doch mal in Euer Buch des Lebens, ich wette, da sind all die Herausforderungen genau dafür da, aus den eigenen, von den Eltern oder Großeltern, Lehrern oder sonstigen Bezugspersonen geschaffenen Illusionen auszusteigen.

Aufmerksamkeit

Schneewittchen also meint, sie braucht den Gürtel, den Kamm und den Apfel. Obwohl die Zwerge, die für das geerdete Alltagsbewußtsein stehen, für die Notwendigkeit zu überleben, für die rein materielle, lebenserhaltende Versorgung – die natürlich dann auch die Schätze der Erde hervorbringt! – obwohl also die Zwerge sie eindringlich warnen, kann Schneewittchen eben nicht widerstehen.

Da ich dieses Märchen als Seelengeschichte betrachte, kann es also nur um tiefere Botschaften gehen. Es ist extrem wichtig, aufmerksam zu sein, doch Schneewittchen folgt lieber trällernd irgendwelchen unnötigen Anwandlungen.

Natürlich haben wir alle die Erfahrung der falschen Entscheidungen gemacht.

Und gerade deshalb ist dieses Märchen so interessant. Es erzählt uns was geschieht, wenn wir nicht aufmerksam sind, nicht den lebenserhaltenden Notwendigkeiten folgen.

Ich kann das auch nicht immer. Als kreativer Mensch muß ich oft meinem inneren Gedanken- und Gefühlsstrom folgen. Das ist eine Art Disziplin meinem Herzen gegenüber. Aber wenn es darauf ankommt, kann dieses Märchen eine Richtschnur sein, eine Art Wecker, der daran erinnert, dass es Situationen gibt, in denen wir wach und völlig präsent sein müssen.

Erlösung aus Versehen

Und genau das geschieht, wenn auch nur aus Versehen. Schneewittchen erwacht aus dem lähmenden Todesschlaf. Die entscheidende Wende, das Wunder, von dem ich eingangs schrieb. Sie hat eben mal wieder Glück gehabt. Weil einer über die Baumwurzel stolpert, springt ihr das vergiftete Apfelstück aus dem Hals (in der von den Grimm’s bearbeiteten Version, in der Ur-Version wird ein geheimnisvolles Heilritual vollzogen) und sie ist wieder lebendig, nicht mal runzlig, verwest und oll. Nein, es gibt snow-white-933491_960_720auch gleich einen Prinzen dazu: ihre Zukunft.

Alles nur, weil sie rumlag und schön war. Meine Güte! Manchmal frage ich mich wirklich, was dieses Prinzesschen eigentlich gelernt hat.

Natürlich gibt es da noch den äußerst interessanten Aspekt des Spiegels, der für die Königin genau das Werkzeug ist, ihren eigenen Oberflächlichkeiten zu folgen. Schneewittchen kann ja gar nicht anders, sie lernt es nicht besser.

Doch das ist eine andere Geschichte.

Also, worum geht es wieder? Vertrauen?

Nicht nur. Ich glaube, hier können wir ruhig mal davon augehen, dass es auch eine Aufforderung ist, sich nicht imme nur einlullen zu lassen von vermeintlich wichtigen Scheinbildern, sondern genau hinzuhören und hinzusehen. Die Erlösung kommt dann schon.

Viel Spaß dabei wünscht die Märchenfee.

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.