Zeigt her, Euer Gold! – Schneeweißchen und Rosenrot

styggkaerret-848532_960_720Schneeweißchen und Rosenrot ist eher ein Kunstmärchen, als traditionell überliefert und gut gefüllt mit den moralischen Träumen der Gründerzeit. Es kam erst in der 3. Auflage zur Sammlung der Brüder Grimm. In meiner zweibändigen Ausgabe von 1905 findet es sich gar nicht. Ich las, dass dieses Märchen von Jakob Grimm mehrfach überarbeitet wurde, sicher ein Grund, warum es so ausgeprägt um die Eigenschaften „lieb“ und „fromm“ geht.

Wolf-Dieter Storl räumt in seinem Buch „Die alte Göttin und ihre Pflanzen“ die Grimm’schen Putz ab und entdeckt eine Weisheitsgeschichte um die Naturzyklen und die alte Göttin wieder. Schneeweißchen steht hier für die Jungfrau (die Farbe Weiß steht für die erste Phase), Rosenrot für die Mutter und Frau (Rot für die zweite Phase) und die Mutter der Beiden für die Alte (Schwarz für die dritte Phase der Göttin). Assoziiert mit den Welten, die den schamanisch Reisenden bekannt sind: Weiß für die Oberwelt der Götter und Himmlischen, Rot für mittlere Welt des Hier und Jetzt, Schwarz für die Unterwelt des Unbekannten, Unbewußten und Alten.

Das ist nur eine von vielen Deutungsmöglichkeiten, z.B. tiefenpsychologisch von Eugen Drewermann.
Für mich geht es heute um Vertrauen.
Immer wieder weist das Märchen darauf hin. Da ist die Mutter, die ohne Angst ihre Kinder allein im Wald spielen läßt. Die Mädchen übernachten im Wald ohne Angst, weil sie einen Schutzengel haben, der sie bewacht. Sie fürchten sich nicht vor dem Bären, der an ihre Tür klopft, um sich aufzuwärmen und schließlich ihr Winterdauergast wird. Und von dem hysterischen Zwerg lassen sie sich schon gar nicht beirren.

Der Zwerg ist mißtrauisch bis zur Boshaftigkeit. Geizig und gierig ist es ihm nicht möglich, die Geschenke der Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit anzunehmen.

Der Bär scheint zunächst ungefährlich und gemütlich zu sein. Doch auch er hat etwas zu verbergen, wenn auch nicht ganz freiwillig, denn wir wissen ja, er ist ein verzauberter Königssohn. Als er sich an der Türklinke ein Stück Pelz aufreißt, schimmert sein Gold hervor.

Diese beiden Figuren stehen sich gegenüber. Der Täter und das Opfer. Denn am Ende des Märchen heißt es, dass der Zwerg den Königssohn in einen Bären verwandelt habe, weil er dessen Schätze haben wollte.

In alten Kulturen war es eine wichtige Erfahrung, sich in ein Tier zu verwandeln. Tiere waren Geschwister der Sippe und schenkten wertvolle Einsichten in eine andere Form von Leben. Die Menschen verbanden sich mit schamanischen Mitteln mit den Geschöpfen der Erde, denn sie hatten noch ein Bewußtsein der Verbundenheit mit allem.

Vielleicht stehen sich eher die Gruppe Schneeweißchen/Rosenrot/Mutter als die Eigenschaften der Hingabe, der Fürsorge, des Vertrauens und Zwerg/Bär als Eigenschaften des hektischen Sammelns und Hortens, der Angst, des Opfergefühls gegenüber. Die Frauen repräsentieren die Eigenschaften der Göttin, Ihr Angebot an uns, sich in ihre liebevollen Hände fallen zu lassen, um vom alläglichen Jagen und Sammeln nicht aufgesogen zu werden.

Und schon haben wir wieder ein Weisheit, die wir für unser heutiges Leben gebrauchen können. Der Zwerg und der Bär können hier durchaus alltägliche Gefühle repräsentieren, die den meisten von uns nicht unbekannt sein dürften. Der allgegenwärtige Druck kann leicht dazu führen, sich wie ewig angespanntes, hysterisches Zwerglein zu fühlen oder wie ein verzauberter Bär, der sich mit einem dicken Fell schützt, unerreichbar für die Verletzungen der Welt, aber eben auch für echte Nähe und Gemeinschaft.

Das Märchen erzählt, wie alle guten Geschichten, von Erlösung. Wer meiner Deutung folgen mag,findet sie im Vertrauen darauf, dass es Schutzengel, Hilfsbereitschaft, Güte, Geduld, Freundlichkeit und Ehrlichkeit tatsächlich gibt. Erlösung bedeutet nicht: Ein für alle Mal. Märchen werden da oft fälschlicherweise gedeutet als Aussagen für die Ewigkeit. Als alte Weisheit sagen sie aber, dass, wann immer Du in eine solche Situation kommst, Dich als Bär oder Zwerg zu fühlen, Du auch immer auf die Schneeweißchen/Rosenrot/Mutter-Fraktion zurgreifen kannst. Du musst Dich nur daran erinnern. Ein anderes Verständnis von Ewigkeit.

Wenn Du möchtest, begleite ich Dich gern dabei, dieses Verständnis zu finden. Denn jeder Tag ist neu und Du kannst Dich jeden Tag neu erschaffen.
Ich freue mich auf Deine Nachricht. Hier kommst Du zum Kontaktformular.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt.

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