Geschichtenheilkunst - Verbunden mit den Erdmüttern --- Märchenerzählerin, Märchentherapeutin, Entspannungspädagogin

Monat: Mai 2016

Was noch übrig ist von der keltischen Kultur. Teil 2 – Bils, der schlaue Dieb.

Für die meisten Menschen ist keltische Kultur in Schottland, Irland, eventuell noch Walesireland-845388_960_720 und Südengland verortet. Dabei sind das nur noch die Reste, wenn nicht sogar eher eine Marketing-Strategie der Tourismus-Branche.

Doch es gibt einen Unterschied zwischen den Inselkelten und der festlandkeltischen Kultur, und das nicht nur sprachlich.

Die Bretagne, aus der meine heutige Geschichte stammt, ist vielleicht die treueste Hüterin der alten festlandkeltischen Kultur. Ich habe gelesen, dass es in Frankreich ein Bewußtsein für diese europäischen Wurzeln gibt. Dort wird seit langer Zeit gezielt archäologisch nach keltischen Funden gesucht, sicher auch aus Identitätsgründen. Es heißt sogar, dass die besondere Eigenart der französischen Sprache vom direkten Einfluß der alten keltischen Sprache kommt.

In der Bretagne finden wir dann auch eine interessante Persönlichkeit, die noch die alte keltische Kunst des Wissenbewahrens kannte. Die Kelten waren nämlich sehr geschickt darin, ihre Werte für die Nachwelt zu erhalten. Die Lehrgeschichten, die Wissen mit emotionaler Wirkung verknüpften, sind in Märchen und Mythen eingeflossen. Ein Vorgehen, das heute als sehr effektiv von der Hirnforschung bestätigt wird. Gelerntes wird am besten gespeichert, wenn es eine emotionale Verknüpfung zum Inhalt gibt. (Jesus von Nazareth hatte mit dieser Strategie sehr großen Erfolg.)

Anne de Bretagne war die letzte Herzogin der freien Bretagne. Sie mußte zwei französische Könige heiraten und ihr Land wurde vom großen Reich geschluckt. Ihre Politik ist umstritten, doch ihr heute noch erhaltenes Stundenbuch ist faszinierend. Als Ausmalung um die christlichen Gebete herum finden sind Bilder von Tierkreiszeichen, aber auch Pflanzen und Insekten. Die Pflanzen haben Heilkraft und es sind jeweils der Nützling und der Schädling dazu gemalt. Jedes Bild hat eine tieferen, durchaus nicht biblische Bedeutung und paßt nur wenig zum Text.

Die Herzogin übermittelt auf geschickte, versteckte Art das uralte druidische Heilwissen. Sie ließ all das ganz bewußt in das Stundenbuch malen und hat damit dieses Wissen bewahrt.

Genau auf diese Art und Weise wurde gerade auf französischem Boden, dem alten, von den Römern früh eroberten Gallien, die keltische Kultur erhalten. Sie assimilierte sich, paßte sich an, ohne unterzugehen. Versteckt in Geschichten und Bildern und Mythologien erhielten sich Werte, die uns heute nur zugänglich sind, wenn wir uns auf dieses völlig andere Denken einlassen.

Für die alten Kelten war der Tod zum Beispiel keine Katastrophe, sondern nur der sunbeam-540589_960_720Übergang in die Anderwelt. Er hatte nichts beängstigendes, deswegen können die von den Römern so bedrohlich beschriebenen Menschenopfer gar nicht das grausame Ritual gewesen sein, als das sie auch heute noch gern gesehen werden. Der Tod war nicht schrecklich, warum hätten die Kelten dann Freude daran haben sollen, an ihren Gefangenen den Tod so barbarisch zu zelebrieren?

Ein andere Bewertung fand auch bei menschlichen Bindungen statt, das Zusammenleben von Mann und Frau hatte eine vollkommen anderen Bedeutung als bei den Römern. Das römische Denken war der Grundstein für die spätere christliche Kirche. Bei den naturverbundenen Kelten waren viele Lebensentwürfe möglich. Die rätselhafte Weisung der Götter war bindend, nicht das von Priestern verordnete Regelwerk.

Und so kann es auch eine Geschichte geben, in der ein Dieb die positive Hauptrolle spielt. Interessanterweise hat dieses Thema mit dem „Meisterdieb“ bei den Grimm’s Eingang gefunden. Bis heute sind die schlauen, smarten Gauner faszinierende Figuren. Sie stellen die Ordnung in Frage, in dem sie die Herrschenden, die Reichen, die Mächtigen zum Wanken bringen. Und das muß auch sein. Jede gesunde Ordnung muß es aushalten können, in Frage gestellt zu werden.

Es ist schlau, über Grenzen zu gehen und mit Regeln eher spielerisch umzugehen, wenn es darum geht, seine Werte zu erhalten und sein Leben zu schützen. Das können wir von den alten Kelten lernen. Das ist die ganz natürliche, lebenserhaltende Kreativität, die jedem Menschen innewohnt. Wenn ein System zerstörerisch ist, muß es andere Wege geben, das Leben zu erhalten.

Wasser umfließt den Felsen. Da die Kelten sehr gute Naturbeobachter waren, wußten sie das.

Und das ist etwas, das heute noch übrig ist von ihrer Kultur. Vielleicht ist es verunsichernd, da wir ja so gern etwas zum Festhalten wollen. Natürlich sind Regeln wichtig, Verläßlichkeit, Vertrauen, Sicherheit, all das ist notwendig. Aber Bils, der schlaue Dieb, möchte uns Mut machen, alles mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Von einer gestohlenen Pastete wird der Schloßherr nicht arm. Und auch nicht von einem gestohlenen Pferd. Aber das stiehlt Bils nur, weil der Schloßherr es ihm geradezu auf die Nase bindet. Er hätte lieber über die gestohlene Pastete lachen sollen. So verlor er nicht nur sein Pferd.

Die alten Kelten waren gut darin, im Hier und Jetzt zu sein und die Entscheidungen zu treffen, die im Moment notwendig waren, unabhängig von Regeln und Gesetzen. Natürlich hatte das auch zur Folge, dass die Truppen des Vercingetorix gegen Cäsar verloren, denn hätten sich ein paar mehr Stämme dort auf dem Schlachtfeld zusammengefunden, hätten sie gewonnen. Jeder Stamm entschied für sich, was richtig und was falsch war. Sie taten das, was sie für lebenserhaltend hielten. Und lebten mit den Konsequenzen.

Vercingetorix starb in Rom für seine Entscheidung. Andere Stämme gingen in der römischen Kultur auf. Das war ihre Entscheidung.

Und die Druiden, die nicht Priester, sondern Rechtsgelehrte waren, fanden Wege und Mittel, ihr kostbares Wissen auf schlaue, geschickte Art zu erhalten.

Wer mehr darüber wissen möchte, dem seien die Bücher von Jean Markale („Die Druiden“ und „Die keltische Frau“, viele andere Bücher sind leider nicht ins Deutsche übersetzt worden.) ans Herz gelegt, ebenso wie „Der Garten der Druiden“ von Claudia Urbanovsky.

Die Legende von Robin Hood, der ein schlauer Dieb war, geht übrigens auch auf alte keltische Vorstellungen zurück. Die wilden Männer, die im Wald lebten, abgeschieden von den Siedlungen der Stämme, waren vermutlich die Grundlage.

Aber das ist eine andere Geschichte.

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Wach auf! – Schneewittchen

Das klassische Schlafmärchen ist ja gemeinhin „Dornröschen“. Bei „Schneewittchen“ snow-white-913740_960_720denken die meisten zuerst an den Apfel, die Sieben Zwerge und vielleicht noch an die Farben Weiß-Rot-Schwarz.

Dabei gibt es eine kleine, aber sehr entscheidende Szene, die wesentlich interessanter ist. Sie ist sogar die große Wendung, die Erlösung, das wirklich wichtige Wunder.

„Wach auf!“?

Imperative liegen mir nicht. Ich habe erst durch meine Kinder gelernt, Befehle zu erteilen, weil sie es geradezu einfordern, klare Ansagen zu bekommen. Ich mache es immer noch nicht gern und ich glaube, das geht vielen Frauen so. Durchsetzungskraft ist nun mal eine typisch männliche Eigenschaft und muß von uns Frauen erst integriert werden.

Dass das absolut notwendig ist, lehrt uns das Leben jeden Tag. Ämter, Chefs, Auftraggeber, Ehemänner. Manchmal muß ich lächeln, wenn ich wieder mal einen Blog oder ein Post von einem Lebensberater oder Beziehungsexperten lese, die Frauen mögen bitte endlich wieder weiblich und hingebungsvoll und weich sein. Klar, gerne, wenn es nicht ständig diese Situationen gäbe, in denen eine von irgendjemandem niedergetrampelt werden soll.

Aber seien wir ehrlich: Diese Jemands sind sowohl Männer als auch Frauen.

Folgen wir dem Gesetz der Anziehung, kommen diese Situationen ins Leben, um genau die Eigenschaft des Durchsetzungsvermögens zu lernen, nicht vor ihnen zu kapitulieren.

Imperative

Und jetzt erweitere ich mal das Ganze etwas. Natürlich kannst Du resignieren, Dich niedertrampeln lassen, in Deiner Opferrolle bleiben. Es ist egal, ob Du ein Mann oder ein Frau bist. Es ist Deine Entscheidung.

Es wird ja auch viel getan (von allen möglichen Leuten und Institutionen und Werbetreibenden), dass wir uns so fühlen sollen. Ein getriebener Mensch, gehetzt von der Angst um oder vor was auch immer, ein „Ich kann ja doch nichts machen“-Mensch, ist die leichteste Beute für jegliche Manipulation. Oder: „Ich muß das tun. Ich muß das haben. Ich muß das sein. Ich muß dort sein.“

Mit dieser Art Imperativen sperren wir uns selber ein.

Natürlich gibt es eine Art inneren Imperativ, eine Richtschnur, eine Vision. Für mich ist es das größte Glück auf Erden, dieser Vision folgen zu können. Sie zu finden, ist gar nicht so schwierig. Sie zu befreien von allen Blockaden, ist die größere Herausforderung.

Schneewittchen läßt sich treiben.

Sie kommt ins Haus der Zwerge und nimmt ungefragt, was sie vorfindet. Das hat mich schon immer gestört an ihr. Kann sie nicht warten, bis die Hausherren zurückkommen? Eben typisch Prinzessin. Und dann biegt sie das einfach wieder gerade mit ihrem süßen Lächeln und einen herzallerliebsten Augenaufschlag. Die Zwerge, die sich vorher noch zurecht beschwert haben, schmelzen wie Butter in der Sonne. Na toll.

Mangelnde Selbstbeherrschung zeichnet Schneewittchen auch weiterhin aus.

Immer nur fließen und weich sein und nehmen ist eben auch Mist. Ich kann Prinzesschen Schneewittchen schon verstehen. Auch als (Stief)Tochter bekam sie vieles, wenn auch nicht Liebe und Aufmerksamkeit. Als süßes Püppchen in der Ecke zu sitzen und den Mund zu halten, war meine Aufgabe in der Kindheit. Von Befehlsgewalt oder besser gesagt: Selbstwirksamkeit war da weit und breit nichts zu sehen. Und ich reagiere immer noch recht ungehalten darauf, wenn mich irgendjemand süß findet. Es macht mich wütend, weil es mir einfach nicht gerecht wird.

Wenn eine gute Freundin oder guter Freund es ehrlich meint, kann und darf natürlich alles gesagt werden, es geht nicht um ein Wort, sondern um Oberflächlichkeit.

Illusionen und Herausforderungen

Doch wie ich sehe, wenn ich so mein Buch des Lebens betrachte, finden sich jede Menge Klippen auf meinem Wege, die mich aus meiner eigenen Illusion vom „süßen Püppchen“ herausgeholt haben. Schaut doch mal in Euer Buch des Lebens, ich wette, da sind all die Herausforderungen genau dafür da, aus den eigenen, von den Eltern oder Großeltern, Lehrern oder sonstigen Bezugspersonen geschaffenen Illusionen auszusteigen.

Aufmerksamkeit

Schneewittchen also meint, sie braucht den Gürtel, den Kamm und den Apfel. Obwohl die Zwerge, die für das geerdete Alltagsbewußtsein stehen, für die Notwendigkeit zu überleben, für die rein materielle, lebenserhaltende Versorgung – die natürlich dann auch die Schätze der Erde hervorbringt! – obwohl also die Zwerge sie eindringlich warnen, kann Schneewittchen eben nicht widerstehen.

Da ich dieses Märchen als Seelengeschichte betrachte, kann es also nur um tiefere Botschaften gehen. Es ist extrem wichtig, aufmerksam zu sein, doch Schneewittchen folgt lieber trällernd irgendwelchen unnötigen Anwandlungen.

Natürlich haben wir alle die Erfahrung der falschen Entscheidungen gemacht.

Und gerade deshalb ist dieses Märchen so interessant. Es erzählt uns was geschieht, wenn wir nicht aufmerksam sind, nicht den lebenserhaltenden Notwendigkeiten folgen.

Ich kann das auch nicht immer. Als kreativer Mensch muß ich oft meinem inneren Gedanken- und Gefühlsstrom folgen. Das ist eine Art Disziplin meinem Herzen gegenüber. Aber wenn es darauf ankommt, kann dieses Märchen eine Richtschnur sein, eine Art Wecker, der daran erinnert, dass es Situationen gibt, in denen wir wach und völlig präsent sein müssen.

Erlösung aus Versehen

Und genau das geschieht, wenn auch nur aus Versehen. Schneewittchen erwacht aus dem lähmenden Todesschlaf. Die entscheidende Wende, das Wunder, von dem ich eingangs schrieb. Sie hat eben mal wieder Glück gehabt. Weil einer über die Baumwurzel stolpert, springt ihr das vergiftete Apfelstück aus dem Hals (in der von den Grimm’s bearbeiteten Version, in der Ur-Version wird ein geheimnisvolles Heilritual vollzogen) und sie ist wieder lebendig, nicht mal runzlig, verwest und oll. Nein, es gibt snow-white-933491_960_720auch gleich einen Prinzen dazu: ihre Zukunft.

Alles nur, weil sie rumlag und schön war. Meine Güte! Manchmal frage ich mich wirklich, was dieses Prinzesschen eigentlich gelernt hat.

Natürlich gibt es da noch den äußerst interessanten Aspekt des Spiegels, der für die Königin genau das Werkzeug ist, ihren eigenen Oberflächlichkeiten zu folgen. Schneewittchen kann ja gar nicht anders, sie lernt es nicht besser.

Doch das ist eine andere Geschichte.

Also, worum geht es wieder? Vertrauen?

Nicht nur. Ich glaube, hier können wir ruhig mal davon augehen, dass es auch eine Aufforderung ist, sich nicht imme nur einlullen zu lassen von vermeintlich wichtigen Scheinbildern, sondern genau hinzuhören und hinzusehen. Die Erlösung kommt dann schon.

Viel Spaß dabei wünscht die Märchenfee.

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Was noch übrig ist von der keltischen Kultur. Teil 1 – Der Schuhmacher

Die alte keltische Kultur kehrt zurück und es gibt einen Grund dafür.Anderwelt_6

Seit ungefähr der Jahrhundertwende gibt es immer wieder spektakuläre archäologische Funde, die die Lehrmeinung über diese alte Kultur unserer Vorfahren schwer erschüttern. Es zeigt sich, dass die Menschen jener langen Epoche keineswegs die hirnlosen Barbaren und bemalten Schlächter waren, die die römischen Historiker so gern in ihnen sahen.

Unser geschichtliches Bild jener Völker ist wesentlich von Cäsars „De Bello Gallico“ geprägt, einer Propaganda-Schrift zur Rechtfertigung seiner eigenen Barbarei an den keltischen Stämmen, wie man heute stark vermuten darf.

Die vorrömische europäische Kultur basierte auf einem stabilen Handelsnetz, handwerklicher Kunstfertigkeit und unternehmerischem Geschick. Vor allem aber auf einem alle Stämme bestimmenden weltanschaulichen Rückrat: die wesenhafte Verbundenheit mit der Natur und die tiefgreifende Erforschung und Befolgung geistiger Gesetze. Rechtsprechung im Sinne der göttlichen Ordnung hatte einen sehr große Bedeutung, Wissen und Gelehrsamkeit einen hohen Stellenwert.

All das wurde nahezu vernichtet, nicht nur mit gewaltsamen Mitteln. Auch psychologische Mittel wurden eingesetzt, um die alte Kultur zu verdrängen. Angst vor dämonischen Mächten, Verniedlichung, Verachtung, das Gefühl des Verlustes auf ewig. Das Römische Reich begann, was später ihr Nachfolger, die christliche Kirche, fortsetzte.

Man sagt, dass innerhalb von drei Generationen wahre Begebenheiten ins Mythologische rutschen. Sie werden zunehmend ausgeschmückt und mystifiziert, bis sie vollends ins Sagenhafte verschwinden.

Was die alten Kelten auszeichnet, zeigt sich in den noch heute zugänglichen Geschichten. Auch wenn ihre sie verfremdet und entstellt sind, zeigt es sich noch. Sie waren sehr schlau. Ihr Humor war hintergründig. Und sie wußten die Antwort auf viele Fragen, doch sie versteckten sie gut und nur wer sich auf den Weg macht, seine eigene Unwissenheit zu besiegen, kann Hilfe von ihnen erwarten. Eine alte druidische Weisheit.

Es war Absicht, dass wir diese alten Werte vergessen sollten. Es gab ganz konkrete Machtinteressen, denn eine von den natürlichen Prozessen getrennte und dadurch von der Obrigkeit abhängige Mehrheit ist besser zu beherrschen. Wenn ich nicht weiß, dass ich mir Nahrung auch allein in der Natur beschaffen kann, sondern denke, ich muß verhungern, wenn ich nichts im Laden kaufen kann, dann tue ich alles, was der Ladenbesitzer von mir verlangt.

Doch dahinter stehen viel höhere Absichten. Die Menschheit insgesamt ist tief verbunden mit den Zyklen und Rhythmen der Erde. Wir sind irdische Wesen. Und wie schon die alten indischen Weisen beschrieben haben, gibt es verschiedene Zeitalter, in denen sich sowohl das große Ganze als auch Gruppen und einzelne Menschen weiterentwickeln, Erfahrungen sammeln, wachsen, erkennen können

Die alten Inder nannten es Kali Yuga, das dunkle Zeitalter. Die Dauer der Zeitalter ist umstritten. Doch ist unbestreitbar, dass wir heute in einer entsetzlichen Fremdheit zu allen natürlichen Prozessen stehen. In allen Bereichen des Lebens ist es ein anstrengender Akt, den ganz natürlichen Rhythmen zu folgen. Eine Geburt muß schmerzfrei sein. Das Wochenbett ist verpönt. Die Mutterschaft erfährt keine Achtung mehr. Freie Kindheit bekommt keinen Raum. Männer dürfen keine Krieger sein. Versehrte und alte Menschen werden ausgegrenzt. Arbeiten immer im gleichen Takt bis zum Umfallen. Ich könnte noch eine Menge aufzählen, aber ich lasse es dabei.

Denn mir ist die Lösung viel wichtiger.

In der irischen Geschichte: „Der Schumacher“, aufgezeichnet von Thomas Crofton Crocker, übersetzt von den Brüdern Grimm („Irische Elfenmärchen“ erschien 1826) werden einige Elemente deutlich, die sowohl auf uraltes keltisches Wissen als auch auf die Lösung respektive Heilung unseres Dilemmas hinweisen. Sie zeigt auch sehr gut, was aus alten Werten geworden ist. Nicht mehr Respekt vor den hilfreichen Kräften der Natur, sondern Habgier bestimmt das Handeln der Hauptperson.

Der elfenhafte Schumacher im Garten der jungen Frau wird bedroht und erpresst. Doch das kann keinen Erfolg haben und am Ende bleibt, was in so vielen keltischen Geschichten heute noch mitschwingt: Trauer um den Verlust.

Aber die Lösung in der Geschichte findet sich mal wieder im Detail. Die Geschichte ist, in feinster keltischer Poesie und Erzählkunst, ordentlich verschachtelt und verpackt, wie ein liebevolles Geschenk. Hinter der Geschichte befindet sich die Geschichte, übrigens auch eine sehr wertvolle Erkenntnis aus der modernen und vor allem systemischen Psychotherapie.

Die Erzählerin breitet die schöne Stimmung in ihrem Garten aus, bevor sie zur eigentlichen Hauptsache kommt. Warum tut sie das? Sie könnte doch gleich erzählen: „Ja, da hörte ich so ein Hämmern und dann saß da so ein merkwürdiges Männchen mitten im Garten usw.“ Die detaillierte Beschreibung führt die Seele in den Garten hinein, die angenehmen Bilder wirken entspannend, freundlich, sie öffnen die Seele. Und genau so wird es heute in entsprechenden Therapien gemacht, z.B. Hypnotherapie. Der Weg in die Seelenwelten wird verschachtelt, damit der Verstand draußen bleiben kann, und dann wird für Vertrauen gesorgt. Nur so ist die Seele bereit, das wirklich Wichtige aufzunehmen oder anzusehen.

Darüber hinaus trägt die Erzählerin einen blauen Mantel. Das deutet auf die Göttin hin. Isis und Maria tragen zum Beispiel einen solchen Mantel. Es ist also eine göttliche Botschaft, die mit Sicherheit über die Jahrhunderte verfremdet wurde, aus Angst vor Verfolgung, aus Anpassungsdruck, aus Leichtfertigkeit. Doch sind noch andere Beispiele bekannt, wie geschickt keltische Völker ihr Wissen zu bewahren wußten, trotz aller Überfremdung. Dazu aber später mehr.

Warum kehren die Kelten zurück?

Weil wir dringend ein neues Verständnis und Verhältnis zur Natur und Mutter Erde brauchen. Die allgegenwärtige Zerstörung unserer natürlich Umwelt, materiell und geistig, macht uns krank. Es wird nie wieder so sein wie damals, aber wir können uns darauf beziehen und davon lernen, was die Kelten aus tiefstem Herzen lebten.

Eine der besten Dokumentationen über die Wahrheit der keltischen Kultur (und einiger anderer zeitgenössischen Kulturen) und ihr Verhältnis zum Römischen Reich ist „Wie die Barbaren wirklich waren“. Bemerkenswerterweise ist sie auf YouTube gelöscht, auf DVD nur in Englisch zu erhalten und im Internet schwer zu finden. Ich habe sie trotzdem gefunden. Eine wirklich lohnenswerte zeitliche Investition:

Terry Jones: Wie die Barbaren wirklich waren.

http://www.veoh.com/watch/v16671910bn6y3daw

Und hier geht es zur Geschichte „Der Schuhmacher“, die einfach abbricht, wie das alte Wissen. Aber heute haben wir wieder die Chance, daran anzuknüpfen, denn die Tore zur Anderwelt sind wieder geöffnet.

 

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Du kannst es niemandem recht machen – Rapunzel

Abgehetzt für Andere?

bush-640619_960_720Bei den meisten Menschen gibt oder gab es irgendwann diese Situation: Du rennst und machst, Du sorgst Dich, Du steckst Deine eigenen Bedürfnisse weg, Du lebst quasi nur noch für eine oder einen anderen.

Als Mutter ist das eine ziemlich normale Situation, proportional mit zunehmendem Alter der Kinder weniger, aber ganz los wirst Du es nicht.

Emotionale Abhängigkeit

In kaputten Partnerschaften ist das auch oft eine normale Situation. Leider. Dabei spielt es nicht die Rolle, ob sich ein Mann oder eine Frau so verhält. Das ist geschlechterübergreifend. Sich zu verleugnen, um irgendetwas zu retten. Oder zu erreichen. Du rutschst immer mehr in die emotionale Abhängigkeit, weil der gewünschte Effekt ausbleibt.

Dabei trennt sich Dein natürliches Bedürfnis nach innerer Vollkommenheit und Ganzheit ab. Ein Irrglaube, der vermeintlichen Harmonie hinterherzurennen, die doch nur in Dir selbst zu finden ist. Um so weniger bekommst Du nämlich zurück, das ist das Verrückte. Der oder die Andere, ob bewußt oder unbewußt, nährt sich von Deinem Geben.

Rapunzel

book-1291164_960_720Das Märchen „Rapunzel“ ist ein sehr tiefgründiges Märchen und wird tiefenpsychologisch als Mutter-Tochter-Ablösungsthema gedeutet. Es gibt auch Deutungen, die die Situation der Schwangerschaft, die heftigen Gelüste und die Lösung auf Pflanzenebene, nämlich Eisen (in Rapunzeln/Feldsalat leicht verdaulich), in den Vordergrund rücken. Ein Lehrmärchen für Kräuterkundige, Hebammen und jede schwangere Frau.

Darüber ließe sich eine Menge schreiben. Aber dieses Mal bin ich an einem anderen Detail hängen geblieben.

Unzufriedene Frauen

Der zukünftige Vater geht in den Garten, weil seine Frau diesen Heißhunger auf Rapunzeln hat. Ich glaube, viele Männer kennen das: Sie würden alles tun, aber vergeblich, die Frau ist einfach nicht zufrieden. Unzufriedene Frauen sind keine Auswirkung der Emanzipation. Es ist eine alte Geschichte, man denke nur an „Der Fischer und seine Frau“.

Natürlich gibt es auch jede Menge Frauen in ähnlichen Situationen. Deshalb erlaube ich mir an dieser Stelle zu verallgemeinern. Mir ist bewußt, dass ich an dem tiefen Bedürfnis des Mannes, seiner Frau hilfreich zu sein, und den Frauen, die das ausnutzen, etwas vorbeiargumentiere. Ich bitte um Vergebung.

Die Botschaft

Was erzählt also das Märchen darüber, übertragen auf den inneren Seelengarten?
Ich gehe wieder davon aus, dass jede Figur einen Seelenanteil und jede Handlung einen inneren Prozeß darstellt.

Heftige Wünsche haben ihre Berechtigung, aber niemand ist dafür verantwortlich, nur Du selbst. Sie zu beherrschen ist ein wesentlicher Bestandteil auf dem Weg zu ihrer Erfüllung. Zunächst ist der Turm ein Schutz, um die Wünsche heranwachsen zu lassen. Haare stehen für die Verbindung zum Göttlichen. Innere Einkehr, Rückzug, Stille sind gute Wege, diese Verbindung wachsen zu lassen. Doch an diesen Haaren steigt Frau Gotel, die ich hier mal stellvertretend für das Ego nehme, herauf. Die Verbindung ist besetzt vom Erhaltungstrieb. Ist auch ok, es muß ja alles erstmal wachsen.

Die Geschichte einer Heilung

Aber: Wenn Du Deine Wünsche wegsperrst, kannst Du es niemandem Recht machen. Wenn Du Dich selbst verleugnest, keine Grenzen setzt (die männliche Seite als Vatefantasy-782001_960_720r hat auf- und sein Kind hergegeben), nicht lernst in Liebe über deine wahren Gefühle zu sprechen (die weibliche Seite ist ja in den Turm gesperrt), mußt Du Deine männliche Seite irgendwie wieder anlocken, damit sie ihren Platz einnehmen kann. Gesang, lange Haare, Liebesversprechen.

Dann kommt die Prüfung, die Alte als das Ego. Sie erwischt die Liebenden und muß das Ganze umgehend unterbinden. Es ist ein Machtkampf.

Der männliche Anteil wird ausgesperrt

Was haben wir nicht alles für Gründe, warum wir weiterhin unsere Muster bedienen?! Verlustängste stehen an allererster Stelle. Und Frau Gotel läßt Rapunzel ja auch nicht wirklich los, sie verbannt sie an einen unwirtlichen Ort, den nur sie kennt. Der Mann, der männliche Anteil, wird blind, denn die Wut des Egos kann es nicht zulassen, dass der Prinz seinen Platz einnimmt. Der Animus soll ausgesperrt werden.

Aber das Ego spielt ohne die verborgene und unzerstörbare Kraft des Lebens. Nichts ist wichtiger, als diesem Fluß aller Dinge zu vertrauen. Wir sind Teil davon, getrennt zu sein ist eine Illusion. Das Leben spielt sich nicht da draußen ab, da bei den Leuten, denen es vermeintlich besser geht. Weil wir glauben, wir müssen ja an unserem Platz bleiben, unsere Pflicht erfüllen, wir haben so schlechte Lebensumstände, so ein furchtbares Schicksal, so schmerzliche Erfahrungen, können etwas nicht, uns fehle das Wissen, das Talent usw. usf.

Die Liebe wird siegen

Es gibt Zeiten, da ist es wichtig, im Turm zu bleiben. Und es gibt Zeiten hinauszugehen und die eigene Wahrheit zu leben.

rose-572757_960_720Der Prinz und Rapunzel finden sich in der Einöde. Nichts kann sie mehr trennen. Aber das Bemerkenswerte ist, dass sie auch in der Entfernung nicht getrennt waren, sie sind beide nur gereift. Rapunzel bekommt Kinder, der beste Beweis, dass die Liebe siegen wird. Und als er sie nach langem Suchen wiederfindet durch ihren Gesang wie am Anfang ihrer Geschichte, macht sie ihn mit ihren Tränen, dem Wasser des Lebens, sehend.

Ein Märchen mit vielen Botschaften.

Welche Botschaft Du empfangen möchtest, wählst Du selbst.

Ein Leben, in dem Du es nur allen Recht machen willst, sperrt Dich ein. Der Weg nach draußen ist voller Gefahren, Abenteuer und er wird Dich komplett verändern. Aber am Ende wird es so, wie es sein soll, wofür Du wirklich hier bist. Das Beste, was Dir je passieren kann.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt.

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