Die Sonne reckt sich langsam über frühneblige Felder.

Eine Wanderin auf einem Stock gestützt geht dem Sonnenaufgang entgegen. Der alte Lumpen, der ihren Kopf bedeckt, fällt lang bis zu den Knien und bedeckt ihre Schultern. Darunter spielt ein grauer Rock um ihre sehnigen Beine. Die Füße stecken in Sandalen. Graue, zerschlissene Ärmel umhüllen schlanke Arme. Diese Frau scheint kaum mehr zu haben als das, was sie am Leibe trägt. Doch an ihren Handgelenken klirren Reihen von silbernen Armreifen, manche schmal und zierlich, andere breit und prächtig verziert mit leuchtend bunten Steinen. Es scheint fast, als wären es echte Edelsteine, so wie sie im frühen Sonnenlicht glitzern. Bei jedem Schritt, bei jeder Bewegung klingen und singen die Silberreifen.

In der kühle Morgenluft dieses Spätsommertages singen muntere Vögel ihre letzten Liebeslieder, das Klingen der Silberreifen begleitet sie. Dieser Klang, fröhlich und leicht, ist wie die Wanderin. Mit jedem Schritt fällt Schwere und Traurigkeit von ihr ab. Sie fühlt die Freiheit der Ferne, die Schritt um Schritt wächst. Sie geht fort. Fort von Kummer, Verlust und Verrat. Und auch wenn ihre Lumpen armselig sind, unter dem grauen Gewand ist sie eine Königin.

Die Straße knirscht unter den Sohlen. Feuchte Morgenluft beißt in die nackten Zehen, doch die graue Königin lächelt. Es ist der Biß der Freiheit und Weite. Und so weitet sich alles, bis ihr Panzer, ihr Schmerz von ihrer Seele bröckelt wie trockener Lehm von einer Hauswand.

Diese neue Straße, von römischen Soldaten erbaut, ist wenigstens etwas Gutes, was die Erorberer gebracht haben. Der Fuß tritt sicher auf, unbeirrbaren Schrittes, denn die Frau kennt ihren Weg. Immer nach Nordosten, an das Meer. Es ist die letzte Hürde, die sie noch von einem neuen Leben trennt. Auch das wird sie überwinden, wie alle Schwierigkeiten vorher. Sie wird ein Schiff finden, das sie zur Bernsteinküste bringt, weit über das graue Meer. Und auch dort wird sie die Höhlen der Mutter finden, die Eingeweihten der Göttin, die Schwestern im Geiste, so wie überall auf der Welt.

In ihrer alten Heimat ist alles zerstört, dort braucht sie nicht bleiben. Mögen andere, jüngere Frauen die Ehre der Göttin hochhalten, ihr Leben riskieren, sich ihren Platz in dieser neuen, römischen Welt erobern, sicher unter dem Deckmantel einer treuen, stummen, dummen und lebenslangen Gemahlin dieser römischen Blinden. Sie brachten nicht nur unsäglich erbarmungslose Vernichtungswut, sondern auch erschreckend wirkungsvolle Neuordnung. Sie drehten alles, was einst natürlich und heilig war, vollkommen um.

Die graue Königin hat in ihrem Brunnen der Zukunft gesehen, welche tiefen Veränderungen die Römische Ordnung in den kommenden Zeiten bringen würde. Vieles war gut, noch mehr war furchtbar. Das Schlimmste aber waren ihre Überzeugungen und Werte, ihr anderes Denken über Mensch und Natur, Gott und Göttin. Die alte Mutter war nichts mehr in ihren Augen. Die Frauen würden dafür sorgen müssen, dass die große Göttin nicht in Vergessenheit geriet.

Die graue Königin hielt einen Moment inne, schloß die Augen und folgte dem Klang ihrer inneren Stimme. Nein, die Göttin selbst ist das Leben, sie wird niemals untergehen. So wie Frauen niemals aufhören werden, zu gebären. Jeder würde seinen Platz finden. Zwischen dem Glauben der gewalttätigen Herrschergötter erschien sie, die frische Junge, die fürsorgliche Mutter, die weise Alte in den neuen Göttinnen. Und wer sehen konnte, der erkannte auch.

Dies war ein großes neues Spiel, die meisten Menschen würden es unwissentlich mitspielen. Mit Blut und Schmerz und Verlust, aber auch mit Gewinn, Lust und Befriedigung. Denn das Leben selbst will tanzen in allen Farben und allen Klängen, auch wenn es ein Tanz auf Totenköpfen ist.

So geht denn die graue Königin, sie weiß, wann ihr eigenes Spiel endet, wann es begonnen hat und wie der nächste Spielzug ist. Sie ist eine der alten Weisen, sie blickt mit anderen Augen auf die Welt. Sie verdammt die Männer nicht, so wie viele ihre Schwestern es tun. Männer sind gut und wertvoll und wichtig. Sie sind genauso erschaffen wie die Frauen, von der Großen Göttin mit Liebe und Fürsorge und vollster Absicht. Nur gibt es jetzt eine andere Ordnung. Sie folgt den Spielregeln der Macht. In dieser Ordnung, die sehr lange anhalten wird, werden sich alle Arten von Macht in alle Richtungen zeigen. So wird für eine lange Zeit die Menschheit auf der ganzen Erde erfahren, was es bedeutet, hemmungslos Macht auszuspielen und welchen Preis jede und jeder dafür zahlen muß.

Dieses Spiel begann schon vor so langem, nun breitet es sich aus. Es gibt kein Entrinnen. Den Weg in diesem großen Spiel muß jeder selbst finden.

Die graue Königin hat sich entschieden, in diesem Leben diesem Spiel zu entgehen. Ein letztes Mal. Sie will es nicht spielen, schon hat sie zu viel verloren und alles hat doch erst begonnen. Ihr Sohn ist römischer Offizier geworden. Ihre Töchter ließen sich nach dem neuen römischen Recht heiraten und begriffen nicht, dass sie ihre Eigenständigkeit damit aufgaben. Enttäuschung schüttelt die alte Frau. Haben sie denn gar nichts von mir gelernt? Oder wollen sie erst recht alles anders machen als ich? Sie hat ihren Töchtern Zeichen hinterlassen. Vielleicht, eines Tages, werden sie ihr folgen. Oder die Enkelinnen.

Alles wird anders. Die graue Königin aber will ausruhen, will nur Frieden. Noch nicht alles, noch nicht den ganzen Schmerz, betet sie. Oh, große Göttin, laß das erst in anderen Leben kommen. Ich bin noch nicht bereit.

Die Erinnung an den Geruch von Feuer und Rauch stieg in der alten Frau auf. Ihr Tempel, ihr heiliger Hain, brannte ab. Ihre geweihten Orte wurde geschändet. Die Druiden konnten nicht helfen, vielzählig wurden sie erschlagen. Auf Iona floß genug Blut, um die Köpfe der einfachen Menschen durchzuspülen. Auch im alten Land, das die Römer nun Gallien nennen, traf diese Nachricht tief in die Herzen der Menschen. Mit der wilden Angst vor der völligen Vernichtung schauen sie nun auf die römischen Götter. Obwohl die Römer geschickt die Götter der Eroberten in ihren eigenen Tempeldienst aufnehmen, ist doch eines vollkommen klar: die Überlegenen sind die Besseren.

Die Druiden strotzten nur so vor Wissen über die Natur und die Menschen und platzten fast vor Selbstgerechtigkeit, hüteten eifersüchtig ihren Schatz, als würde er nur ihnen allein gehören. Auch sie hatten nur widerwillig anerkennen müssen, dass alles Wissen nichts nützt, betrachtet man es ohne das pulsierenden, wilde, unberechenbare Leben, ohne die Große Göttin. Und so ließen sie sich ein auf die Hüterinnen der uralten Wege, nannten sie Priesterinnen und gaben sich Mühe, den Schein zu wahren. Manche von ihnen begriffen tatsächlich, doch teilen wollten sie ihr Wissen nie mit den Frauen.

Die graue Königin lachte dunkel. Als wenn das nötig gewesen wäre. Wer den tiefen Strom der Göttin berührt, der muß kein Wissen anhäufen. Sicher kann das Wissen von Struktur und Logik ungeheuer hilfreich sein. Alles zu ordnen, zu klassifizieren, zu sortieren, das verschafft ganz neue Einblicke in die Gesetze der Schöpfung. Leider aber vermittelt es auch die Illusion der Kontrolle. Und dieses maßten sich die Druiden mehr und mehr an. Dabei lockten sie die Schackale. Denn gesammeltes Wissen ist auch abrufbar. Man kann es weitergeben, doch niemand kann auf ewig kontrollieren, wie dieses Wissen verwendet wird. Eine Technik ist eine Technik, erst die Absicht macht daraus eine lebensfördernde oder zerstörerische Tat.

Aber auch das gehört zum großen neuen Spiel, das diese Menschheit nun spielen möchte. Zwar verloren die Druiden auf ganzer Linie, doch ihr Geist wird bestehen bleiben, fließend und sich erneuernd zwischen allen geschriebenen Seiten, die sie oder andere hinterlassen. Und der Wunsch, Kontrolle über die Gesetze des Lebens, ja, über das Leben selbst zu erlangen, vollkommene Kontrolle. Dies wird der Antrieb des neuen Spieles sein..

Die Frau zieht sich behutsam den alten Lumpen von Kopf und hält mit einer stolzen Geste ihren silbrig leuchtenden Haarschopf in der wärmenden Sonne. Sie atmet tief. Ihr Lächeln wird breiter. Ein tiefer Seufzer entringt sich ihrer Brust. Sie hört die Möwen schreien. Das Meer steigt glitzernd über den Horizont. Der kiesige Römerweg führt direkt zu einem gut befestigten Hafen mit einer wachsenden Anzahl von Häusern. Viele Menschen sind schon auf den Beinen und eilen geschäftig hin und her. Viele Schiffe schaukeln an den Stegen. Die Frau greift in eine Tasche ihres Rockes und läßt ein paar schwere Münzen klimpern. Sie hat alles, was sie braucht. Entschlossen umgreift sie ihren langen Wanderstab. Der salzige Duft umweht ihre Stirn.

Es gibt kein Ende. Immer nur ein Weiter Ein neues Kapitel beginnt.

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