Das Gefühl, dass man mehr und mehr verliert, dass das, was sicher und vertraut war, aus den Händen gleitet, ist eine der größten Herausforderungen des Menschseins.

Vor allem heute, in dieser Gesellschaft und zu dieser aktuellen Corona-Zeit, die uns vor so viele neue Situationen stellt. Als erstes versucht man, die vertrauten Wege einzuschlagen und wählt Verhaltensweisen, die mit dem Vergangenen kongruent sind.

Doch Verlust bedeutet ja gerade, dass das Bisherige so nicht mehr geht.

Aus dem Hospiz-Bereich, der Begleitung von Sterbenden, kommt ein Impuls, den wir ins unserer Spaß-und-Komfortzonen-Selbstverständlichkeit meiden wie die Pest: Das Loslassen muss man ein ganzes Leben lang einüben. Am besten so bewusst wie möglich.

Das bedeutet, offenen Auges den Schmerz des Lebens zu akzeptieren. Und da sind wir bei dem größten Knackpunkt unserer dualistisch geprägten Wertegesellschaft. Wir meinen, dass es nur schwarz oder weiß, gut oder böse, richtig oder falsch gibt. Schon vor sehr langer Zeit haben wir die Selbstverständlichkeit des Grauzone, des Undefinierbaren, Unkontrollierbaren verlassen.

Verlieren ist äußerst unangenehm. Es wird etwas genommen, dessen wir uns so vollkommen sicher waren. Und dieser Verlust stellt mehr und mehr das ganze persönliche Leben infrage, lässt an den eigenen Entscheidungen zweifeln und das bisher sichere innere Haus bröckeln.

Und unweigerlich stellen wir uns die Fragen: War und ist denn alles sinnlos?

Verlusterfahrungen bringen uns in den Raum des Undefinierbaren, in die Wildnis der Seele. Und es wäre so schön, wenn man einfach irgendjemandem dafür die Schuld geben könnte. Manchmal, zeitweise ist das auch entlastend. Nur für die eigene innere Heilung kann von diesem Schuldkonzept keine Hilfe erwartet werden.

In vielen alten Geschichten wird uns Mut gemacht, mit Verlust bewusst umzugehen.

Nun ist „Hans im Glück“ eher eine Kunstgeschichte, ein Schwank aus einer zeitgenössischen Zeitschrift, die den Brüdern Grimm offenbar gut und richtig schien, sie in die Kinder- und Hausmärchen aufzunehmen. Und es liegt nahe, dass der Verfasser sich wohl eher über die Dummheit des Helden, der am Ende glücklich gar nichts mehr in der Hand hat, lustig macht, als dass er uns eine tiefgründigere Weisheit mitgeben wollte.

„Hans im Glück“ hat so viele Gesichter, so viele Perspektiven und Interpretationsmöglichkeiten, dass es einfach kein So-ist-es geben kann. Das macht diese Geschichte ganz unversehens zu einem kostbaren kleinen Stück Erzählpoesie.

Und siehe da! Die eine Weisheit zumindest liegt ganz offen da: Loslassen, loslassen, loslassen – bis man endlich vollkommen glücklich und frei ist.

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