Eine magische Geschichte für die Gruppe Aufstellungen der neuen Zeit des SALIMUTRA-Netzwerkes von Madana Kati Pfau

Auf dem Hügel zwischen den uralten Steinen brannte ein Feuer. Einst war es groß und heilig gewesen und hatte viele Menschen genährt, getröstet und geheilt. Doch schon lange war es nur noch so klein, dass die meisten es für eine Sinnestäuschung hielten. Nur wenige hatten in all der Zeit gewagt, ihren Blick nicht abzuwenden. Nur wenige hatten die alten Geheimnisse gehütet.

Nun aber schien die Erinnerung zurückzukehren und der alte Segen wollte von neuem erblühen.

Die samtweiche Nacht hüllte den Hügel in den Sternenmantel der Göttin. Eine Priesterin stand am Feuer. Sie schützte die heiligen Flammen in der Stille ihrer Weisheit. In ihrer Hand hielt sie einen langen Stab, gleichzeitig Stütze und Zeichen ihrer Würde. Efeuranken umspannen ihn und kleine, glänzende Scheiben aus Silber und Gold hingen von ihm herab, die wie Sterne funkelten. Ein zartes Klingen tanzte zwischen den großen Steinen, wenn die kleinen Scheiben aneinanderstießen. Die Priesterin trug den alten, langen Hirtinnenstab, der schon vor Urzeiten das alte Wissen hütete, weitergegeben in der Obhut von Generationen weiser Frauen.

Langsam hob sie den Blick vom Feuer, als würde sie aus einer Versteinerung erwachen. Aufmerksam sah sie in die Dunkelheit.

Eine zweite Priesterin trat ans Feuer. Von ihrem starken Gürtel hingen über und über kleine Beutel herab, manche aus Leder, andere aus Stoff. Alle waren sie gefüllt und raschelten leise bei jeder Bewegung. Ein kleines Messer hing, geschützt von einer ledernen Scheide, um ihren Hals. Ein Duft von frischem Grün umspielte sie.

Die Frauen sahen sich an, lächelten und nickten.

Die heiligen Flammen wuchsen, genährt vom Lächeln der Frauen.

Eine dritte Priesterin erschien leise am Feuer. Auf ihrer Brust lag ein großer, vollkommen reiner Kristall, gehalten von einem weichen, starken Band um ihren Hals. Die Reinheit des Kristalls strahlte wie ein eigenes Licht und durchleuchtete seine Trägerin bis hin zu den Augen. Die Schönheit des reinen Kristalls ruhte still und ewig in der Priesterin.

Die Frauen sahen sich an, lächelten und nickten.

Und die heiligen Flammen wuchsen höher, genährt vom Lächeln der Frauen.

Kraftvoll trat eine vierte Priesterin in den Kreis. Eine rote Weste aus wärmender Wolle leuchtete unter ihrem Mantel. Die Weste war über und über bestickt mit den heiligen Symbolen aller Welten. Die bunten Fäden erzählten ihre eigenen Geschichten.

Die Priesterin war noch ganz außer Atem, ihr besorgter Blick suchte nach Zuflucht.

Doch die Frauen sahen sich an, lächelten und nickten.

Und die heiligen Flammen schlugen höher, genährt vom Lächeln der Frauen.

Die erste Priesterin hob sanft ihren Stab der Würde.

„Sprich, Wanderin, was sahst du auf deinen Wegen.“

Die vierte Priesterin seufzte. Ihr Blick glitt von einer zur anderen. Dann sprach sie:

„Ich sah zerstörte Rosentäler. Und ich sah verbrannte heilige Haine. Ich sah gefällte Kathedralen des Waldes. Und ich sah erblindete Seen und Teiche. Ich sah vergiftete Quellen der Heilung. Und ich sah einsame, blutende Herzen.“

Still rannen die Tränen über die Wangen der Kristallhüterin.

Die Finger der Heilerin suchten am Geräusch ihrer Medizinbeutel nach Linderung.

Die Wegweiserin aber sah ernst in die Flammen und nickte immerzu.

Doch dann hob sie entschlossen den Blick und sah ruhig und wissend von einer zur anderen. Ihre Hand umfasste würdevoll den Hirtinnenstab. Sie richtete voller Anmut ihren Körper neu aus. Dann sprach sie mit fester Stimme:

„Schwestern, es ist Zeit.“

Sie ließ den Stab vor sich im Erdboden Halt finden und streckte einladend ihre Hände den Schwestern entgegen. Die Wanderin nahm die eine, die Kristallhüterin nahm die andere Hand und die Heilerin zwischen ihnen schloß den Kreis. So standen die vier Priesterinnen um das heilige Feuer im Rund der uralten Steine auf dem Hügel, umhüllt von sternenklarer Nacht.

Eine Seele lag auf dem kühlen, dunklen Boden. Niemand hätte sagen können, ob sie eine Frau oder ein Mann war. Sie atmete gerade noch so viel, um nicht völlig von dieser Welt zu verschwinden. Hier unten, wo sie niemand sah, wo ihr niemand wehtun konnte, hier war es gut, hier war es sicher. Wenn sie sich nicht bewegte, würde ihr kein Leid mehr geschehen. Ihr narbiges, wundes Herz war von all der Lüge und dem Betrug, all dem Verlust und dem Irrtum, all dem Schmerz so erschöpft. Aber es schlug immer noch voller Hoffnung und weigerte sich, vollends auseinanderzufallen.

Ein Lichtschimmer erreichte die Seele. Ganz zart, ganz sanft tanzte er auf und ab. Er schien sie zu rufen. Eine uralte Freude, die schon ganz klein geworden war, erwachte in ihrem geschundenen Herzen. Mühsam hob die Seele ihren Kopf und öffnete die Augen. Oh, wie wunderschön dieser Lichtstrahl war! Klar und rein tanzte er in vielen Regenbogenfarben und flüsterte: „Komm, komm, folge mir.“

Vorsichtig erhob sich die Seele. Es fiel ihr nicht leicht, den sicheren, kühlen, dunklen Boden zu verlassen. Aber es war ja Nacht, so war sie geschützt und kein Schlächter konnte sie erkennen. Mühevoll erhob sie sich aus der Erstarrung des todesähnlichen Schlafes, der sie so lange umklammert hatte. Und jede Bewegung war ein Erfolg, jeder Atemzug ein Sieg. Ihr Herz zog sie hinauf, und nun gelang es ihr, den Blick wandern zu lassen. Sie suchte nach dem Weg des Lichtstrahles. Und sie sah.

Einen Fuß setzte sie vor den anderen, immer weiter, immer weiter. Denn sie wollte dorthin, dort zu dem Licht auf dem Hügel. Sie wusste nicht, was dort war. Sie spürte nur, dass dort etwas war, wonach sich ihr Herz sehnte.

Schritt für Schritt wurde es leichter, immer leichter. Die samtweiche Nacht umhüllte sie wie der Sternenmantel der Göttin.

Nun stand sie am Fuß des Hügels. Dort oben sah sie den uralten Steinkreis, der heilige Ort, der einmal vor langer Zeit von großer Bedeutung gewesen war. Doch jetzt war da noch etwas anderes, etwas, das sie nicht erkennen konnte.

Ihr Blick hielt wie gebannt den Tanz der Flammen zwischen den Steinen fest. Der Lichtstrahl flüsterte in ihrem Herzen: „Komm, komm hinauf. Es ist nur noch ein kleines Stück.“

Die Seele seufzte. Sie war so müde, so erschöpft. Würde sie diesen letzten Weg schaffen können?

Die Hände der vier Priesterinnen hielten sich und hielten den Kreis um das Feuer. Ihr Lächeln nährte die Flammen. Und Licht floß durch ihre Hände, durch ihre Arme von einer zur anderen. Und Licht wuchs in feinen, geraden Linien aus ihren Händen in den Boden und in den Himmel. Die Linien verbanden sich miteinander und bauten eine Kuppel aus leuchtendem Netzwerk. Und wie die Kuppel fertig war, so wuchsen aus den geraden Linien Ranken aus Licht, die sich wanden und tanzten wie strahlende Schlangen. Und immer stärker und stärker wurde der Tempel aus Licht.

Da hob die Wegweiserin aufmerksam ihren Blick. Sie sah von einer Schwester zur anderen. Ihr Gesicht erstrahlte in heiliger Freude. Sie nickte den anderen zu und sagte:

„Jetzt!“

Sanft ließen sich die Heilerin und die Wanderin los. Ein Raum entstand zwischen ihnen. Die Lichtbahnen floßen auseinander und gaben eine Öffnung frei in die Nacht.

Die Seele stand schwer atmend am Steinkreis. Heiliges Schweigen füllte den Raum. Ein ehrfürchtiges Zittern hatte sie befallen und sie wagte nicht, weiterzugehen. Noch stand sie außerhalb des Steinkreises und schaute fragend zu den Flammen in der Mitte.

„Was ist denn noch nötig?“ fragte sie verzagt in den Kreis hinein. Doch alles blieb still. Da atmete die Seele und atmete noch einmal. Und dann erinnerte sie sich an Kirchen und Kathedralen, Tempel und Plätze, an heilige Haine und gesegnete Rosentäler. Sie faltete ihre Hände vor dem Herzen und sagte deutlich und klar:

„Bitte.“

Eine Kuppel aus Lichtnetz erschien um die Steine und das Feuer. Sanft floßen die leuchtenden Bahnen auseinander und gaben eine Öffnung frei. Die Seele lächelte, nickte und hob den Fuß zum nächsten Schritt.

Und die vier Priesterinnen sprachen wie aus einem Munde: „Sei willkommen!“

Alle Rechte bei Madana Kati Pfau

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