Schwan_2010-03-21
Neulich hörte ich mal wieder von jemandem, wir „Ossis“ hätten ja alle was zu verschweigen.
Das mag sein. Es ist schlicht und einfach Selbstschutz. Mal ganz abgesehen davon, dass die Einteilung in Ossis und Wessis nun wirklich überholt ist, macht wohl jeder, der es braucht, von diesem Selbstschutz Gebrauch, unabhängig von Geschlecht, Sozialisation und Alter.

Aber um das schöne Klischee zu bedienen: Auch ich will nicht darüber sprechen. Nicht über die Privilegien, mit denen ich ein paar Jahre aufwuchs, noch warum es sie gab. Und auch nicht über den Sturz, der mich mitriß bis in die Tiefen dieses Systems, einem Ort, wo es keine Masken mehr gab.

Zu schweigen ist eine Form von Freiheit. Ich bin frei von den Gefühlen, die diese Geschichte in den Zuhörern auslöst und auch in mir. Es ist wie das Öffnen der Pandorra-Büchse aus der griechischen Sage. All die herumfliegenden Teile dann wieder einzusammeln, dauert einfach zu lange.

Wann und worüber zu sprechen, will also gut überlegt sein.
Ich habe an den richtigen Stellen zur richtigen Zeit geredet, um Heilung zu erfahren.
Das reicht.
Es gibt viele Wege, sich frei zu fühlen, so viele, wie es Menschen gibt. Schweigen ist nur eine davon.

Viel wichtiger aber ist die Lektion über die innere Freiheit, die durch nichts zu zerstören ist.

Sie wohnt in jedem Menschen, ist für jeden erreichbar. Freiheit hat natürlich ein Gesicht, einen äußeren Ausdruck. Aber der hat nichts mit den Umständen zu tun, in denen wir leben. Wie oft begehen wir den Irrtum zu glauben, dass sich nur irgendetwas im Außen ändern müsse, um endlich frei zu sein.

Es gibt keine Gefängnisse, so absurd das uns auch erscheinen mag.
Freiheit ist immer ein Verwandlung zur Selbstermächtigung. Jeder Mensch ist frei, zu gehen oder zu kommen. Dafür gibt es viele Möglichkeiten, auch wenn es im Außen nicht so aussieht. Zum Beispiel kann Krankheit eine (eher unbewußte) Möglichkeit sein, sich zu schweren Aufgaben zu entziehen.

Aber was wäre, wenn wir diesen Weg in die Freiheit ganz bewußt wählen würden?

Dazu gehört das Wissen um die freie Entscheidung und der Mut, sich Grenzesituationen zu stellen. Denn es muß klar sein, dass innere Freiheit etwas damit zu tun, voll und ganz Ja zu seinem Leben zu sagen, in allen Facetten, mit allen Brüchen, allen Entscheidungen. Erst dann werden wir nicht mehr manipulierbar.

Denn das größte Gefängnis ist die Macht, die andere über unseren Geist haben.

Und wir lassen das zu. Weil wir uns so nach dem Gefühl der Freiheit sehnen.
Was gibt es da nicht alles für Fluchthelfer! Im Groben reicht es vom Essen über Alkohol, Filme, Computerspiele, Drogen bis zur Kaufsucht. Es ist der tiefe Wunsch nach Linderung eines Schmerzes, dem wir nicht ausweichen können. Wir versuchen, ihn zu betäuben, ihn zu vergessen oder wenigstens erträglicher zu machen. Auch das darf sein. Diese Erfahrungen sind sogar oft notwendig auf unserer Heldenreise.

Was wäre, wenn das alles unnötig wäre?

Wenn ich jemandem sage, er braucht das alles gar, er könne sich doch einfach erlauben zu träumen! – werde ich sehr erstaunt angesehen. Meist möchte man das nicht wahrhaben, es ist zu verrückt. Tagträume sind doch verboten und Blödsinn obendrein.
Wer „nicht ganz da“ ist, wird nicht ernst genommen, „Träum nicht!“ ist der strenge Vorwurf, der sich durch viele Schulstunden und: „Wo bist du denn nur wieder mit deinen Gedanken!“ ist die verbale Ohrfeige, die die Tür zur Anderwelt schmerzhaft zuschlägt.

Und noch einmal: die Gedanken sind frei!

Die inneren Bilder sind von außen unerreichbar und unzerstörbar.
Jeder hat seine innere Welt, nur fehlt oft der Mut, sich darauf einzulassen.

In anderen Kulturen war das Überschreiten dieser Grenzen von Hier zum Dort selbstverständlich.

In den alten Geschichten der Kelten, aber auch vieler anderer Kulturen, zieht sich die Leichtigkeit dieses Weltenwandelns durch wie ein roter Faden. Für mich besonders bedeutsam ist das Motiv der Schwanenjungfrauen oder Vogelfrauen, das es in ganz Europa und sogar in Asien gibt. Es geht immer darum, dass Vögel sich in Frauen verwandeln, oft an einem See, um dort zu baden. Der Held der Geschichte stiehlt das Federkleid und gewinnt so ein Eheversprechen. Doch er hält meist sein Versprechen an seine Frau nicht, verrät sie zum Beispiel an seine Familie, und sie verläßt ihn, fliegt davon, denn sie hat ihr Federkleid wiedergefunden. Der Held geht auf die lange und beschwerliche Suche und damit gerät das ganze Unternehmen zu einer Heldenreise, dem bewußten Weg zur eigenen Wahrheit. Für beide übrigens.

Die germanische Göttin Frejya ist bekannt für ihr Federkleid, das sie sogar dem listigen Gott Loki ein paar Mal ausleiht. Die Walküren, die Schwanenjungfrauen, waren ihre Gefolgschaft.
Der Schwan galt lange als Bote der Götter, erst im Christentum wurde er zum Todesvogel. Unser Wort „frei“ kommt von dieser Göttin, ebenso das Wort „Frau“.

Die freie Königstocher

Ganz besonders berührend ist auch die alte nordische Gudrun-Sage, die voller Epos von der Königstochter Gudrun erzählt. Sie wird entführt von einem abgewiesenen Heiratsbewerber, hat sich aber schon einem anderen versprochen. In ihrer siebenjährigen Gefangenschaft bleibt sie standhaft und treu, obwohl ihr sehr übel mitgespielt wird. Gerade in ihrer Treue ist der freie Geist zu erkennen, der diese Sagengestalt so besonders macht. Ihr wird die Nachricht ihrer Rettung übrigens von einem Schwan überbracht.

Innere Freiheit hat also nichts damit zu tun, alle menschlichen Bindungen einzureißen.

Das zeigt sich auch in den Märchen um die Schwanen- oder Vogelfrau. Immer hinterläßt sie einen Hinweis, wie sie zu finden ist.

Werden diese Bilder auf die Seelenebene übertragen, ist leicht zu erkennen, dass die Fähigkeit des freien Fluges einen Preis hat. Es ist die Heldenreise, die Verwandlung, die mit Eigenschaften wie Zielstrebigkeit, Entscheidungskraft, Kampfgeist, also eher männlichen Eigenschaften zu meistern ist.

Cerridwen und Taliesin

Weil es – bemerkenswerter Weise! – so viele Geschichten von Frauen und Freiheit gibt, erzähle ich heute ganz bewußt eine Geschichte über einen Mann, den sehr berühmten keltischen Barden Taliesin bzw. wie er dazu wurde. Nämlich nur durch Verwandlung und das scheint mir ein Weg zu wahrhaftiger Freiheit zu sein. Seine Freiheit besteht in seiner Klugheit und Schnelligkeit, mit der er sogar einer Zauberin (im eigentlichen Sinne einer Göttin) widersteht. Sie siegt zwar, aber nur bedingt, denn am Ende muß sie ihm den gestohlenen Segen lassen, der ihn zum größten Barden seiner Zeit machte.

Zurück im Hier und Heute

In der modernen Hirnforschung ist längst erwiesen, dass wir für unsere seelische Gesundheit Reisen in andere Bewußtseinsebenen brauchen. Bewußt zu träumen ist nur eine der Möglichkeiten. Visionssuchen, Tranceerfahrungen wie Trommeln, Tanzen oder Schwitzhütten haben auf dem Lebensberatungs- und spirituellen Markt einen starken Aufwind. Zu Recht. Auch das Theaterspielen ist eine solche Reise, denn in einer Rolle, einer Maske, einer Geschichte können wir erfahren, wie es das Wandern in anderen Welten ist.

Mit viel Gewalt und Manipulation sind wir seit Jahrhunderten aus unseren eigenen Seelenwelten vertrieben worden.
Es wird Zeit, uns diese Welten zurückzuerobern.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

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