Schwan_2010-03-21
Ich kann sie gut verstehen, die alten Männer, die den Krieg erlebt haben und nicht darüber reden wollen.
Hat man Schlimmes erlebt, wird es wieder lebendig im Erzählen. Die Bilder stehen vor Augen, die Gefühle kommen wieder hoch, werden noch einmal durchlebt. Viele Menschen scheuen sich davor, vergraben lieber alles auf dem Grund ihres Seelenteiches tief im Wald der Erinnerungen.

Erschreckende Erinnerung

Wie ein Frosch aus dem Winterschlaf steigt dann so eine Erinnerung von Zeit zu Zeit an die Oberfläche des Teiches und quakt laut, manchmal im Traum, manchmal durch eine beiläufige Bemerkung eines anderen, vielleicht eine Musik oder einen Ort von früher.
Und dann kann es passieren, dass der Frosch überlaut quakt, weil er lange nicht gehört wurde, so laut, dass der ganze Körper erzittert vor Schreck: Ach ja, da war noch was!

Das sind dann die Gelegenheiten, die wie ein Weckruf sind. „Befreie mich, zieh mich heraus, sonst ersticke ich und du gleich mit.“ Heutzutage gibt es Tausend Möglichkeiten, so eine alte Geschichte zu heilen. Reden und Zuhören sind oft wichtige Voraussetzungen dafür. Ich als Theatertherapeutin kann spielerisch in die verschiedenen Anteile der Seele führen, sie reden lassen und mit ihnen gemeinsam eine Lösung finden. In einem geschützten Raum ist alles möglich.

Zu viel Gerede

Dann gibt es aber auch die Geschichten, die durch das häufige Erzählen nicht besser werden. Das geschieht meist, wenn der alte Frosch nicht losgelassen werden kann, weil es sich so vertraut anfühlt, dieses Alte.
Es ist nur so: Irgendwann will der Frosch seines Weges hüpfen, die Seerosen wollen wieder blühen und die Schwäne über das Wasser gleiten. Da darf so eine Geschichte gern feierlich begraben werden, also in die Erde hineingehen. Und wie wir wissen, verwandelt sich alles in der Erde, im Verborgenen, Dunklen, Nicht-sichtbaren.

 

Heilende Zeit

Und es gibt das Schweigen, das notwendig ist zur Heilung. Damit etwas zur Ruhe kommen darf, sich eben im Nicht-sichtbaren, Nicht-hörbaren transformieren kann. Oft ist das die stärkste Phase der Heilung. Wir können sie nicht kontrollieren, sie passiert einfach. Zeit ist dabei das entscheidendste Heilmittel. Diese Aufgabe, die vertraute und selbstverständliche Handlung des Redens einmal wegzulassen, ist schwer. Leider ist das in dieser Version des Märchen nicht mehr nachvollzogen. In einer anderen Version heißt es, die Schwester muß aus Brennesseln die Hemden für ihre Brüder nähen. Da wird die Schmerzhaftigkeit viel deutlicher. Etwas auszuhalten, was so schmerzhaft und anstrengend ist, kommt einer Initiation gleich und geht nur, wenn das Ziel klar und hoffnungsvoll ist. Wir müssen wissen, warum wir das tun, sonst wird es zu einem sinnlosen, überflüssigen Leiden, einer Opferhaltung, mit der sich wunderbar die Umwelt manipulieren lässt.

Die Kraft des Schweigens

Etwas auszuhalten ist in dieser Zeit ein heikles Thema. Gerade unter Frauen war und ist es sehr heilsam, unerträgliche Zustände zu beenden, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, Abhängigkeiten zu beenden. Für Männer gilt das selbstverständlich auch, wird nur nicht so oft thematisiert.
Das hat aber nichts mit dem zu tun, was wir auch, wie in vielen anderen Märchen, in den „Sechs Schwänen“ finden. Hier geht es um eine ganz bewusste Entscheidung für das Wohl aller, denn die Schwester erlöst nicht nur ihre Brüder, sondern auch sich selbst, nebst König und sogar dessen boshafte Mutter. Die Mutter darf aus ihrer Rolle aussteigen, der König sich selbst und seinen Willen prüfen und die Brüder aus dem verzauberten Zustand zurückkehren. Die Schwester aber wäre nie diese Königin geworden, hätte sie sich nicht auf den Weg ins Schweigen gemacht.

Für mich ist dieses Märchen und all die Märchen mit ähnlichem Inhalt („Die sieben Raben“, „Marienkind“ usw.) eine schamanische Geschichte. Es erzählt von der Kraft des Schweigens zur richtigen Zeit, vom Durchhalten selbst in bedrohlichen Zeiten und vom Sammeln der Energie, um sie einem höheren Ziel zur Verfügung zu stellen. Das bringt an ungeahnte Grenzen. Die Brüder wissen das schon und wollen ihre Schwester zunächst abhalten, diese schwere Aufgabe zu übernehmen. Aber sie lässt sich nicht beirren. Vielleicht, weil sie auf ihre Intuition hört? Es bleibt ungesagt und somit dem Zuhörer und Leser überlassen, eine Antwort darauf zu finden.

Vom richtigen Zeitpunkt

Es geht nicht nur um das Schweigen zur richtigen Zeit, sondern auch um das Reden und Handeln. Die richtige Zeit ist die angemessene Zeit, die nur erfahren wird durch „das Lauschen auf die Schwäne“, wie es im Märchen heißt. Schwäne sind übrigens die Götterboten, sie bringen Botschaft aus der Anderwelt.

Stephenie Meyer, die Autorin der berühmten Bis(s)-Vampir-Romane, sagte einmal sinngemäß, dass ihre Bücher wohl deshalb so erfolgreich seien, weil sie eine Geschichte vom Warten auf den richtigen Zeitpunkt erzählen und dies sehr reizvoll für die junge Generation wäre.

Wie wir an den alten Märchen sehen, ist das keine neuzeitliche Sache, sondern schon seit altersher ein so wichtiges Thema, dass es immer und immer wieder in verschiedensten Variationen erzählt wurde.

Dann muß es wohl Sinn machen, oder?

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

https://www.youtube.com/watch?v=ShrmPDxQIy8

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