Als Jörg Unkrig mich bat, einen Beitrag zu seiner Blogparade „Vorbilder 2016“ zu schreiben, fiel mir sofort „Timur und sein Trupp“ ein, ein viel gepredigtes Vorbild aus DDR-Kindertagen. Einer, der allen hilft, sein Freundestrupp immer im Schlepptau. Und das Wort „Vorbild“ von der Deutsch-Lehrerin imaginär an die Stirn gepappt!

Für ein Mädchen als Vorbild allerdings schwierig. Da gab es, glaube ich, nur ein Mädchen in seiner Truppe.

Es war eher Gudrun, die mich prägte. Eine nordische Sagen-Heldin, niedergeschrieben in einer berührend-melodiösen Poesie von Alma Johanna Koenig. Es war eines dieser Bücher, die ich ungefähr zwischen 9 und 14 in alle Urlaube und Ferienaufenthalte bei meiner Großmutter mitschleppte. Ich las es oft wieder von vorne, wenn ich die letzte Seite umgeschlagen hatte. So kam es schon mal vor, dass ich es 5 oder 6 mal hintereinander las.

Vielleicht ist eine altgermanische Königstochter auch ein schwieriges Vorbild für die heutige Zeit. Sicherlich gibt es diese Art Hofhaltung und auch die strenge hierarchische Ordnung von Lehensherr und Lehensmann ist kaum noch nachzuvollziehen.

Es geht um Treue, vor allem zu sich selbst. Gudrun, die von vielen Heiratswilligen umworben wird, entscheidet sich für den einen richtigen Mann. Sie versprechen sich die Ehe, doch ein anderer, abgewiesener Mann, gekränkt in seinem Stolz, entführt die Königstochter, angestachelt von seiner Mutter, die sich einbildet, ihren Sohn dadurch in seinem Stand zu erhöhen. Er scheint tatsächlich auch verliebt, scheitert aber an Gudruns unbedingtem Willen, ihrem Versprechen und ihrer Liebe treu zu sein. Die Rache der Mutter des Abgewiesenen ist schlimm, denn Gudrun verliert alles bis auf ihr Leben.
Nach sieben Jahren wird sie erlöst, nach dem sie diese harte Zeit in Stolz und Würde, aber auch viel Klugheit durchgestanden hat.

Ich finde, diese Geschichte ist auch heute noch brauchbar. Es zählt nichts so sehr wie die Treue zu sich selbst, auch wenn das heißt, dass es nicht der leichteste Weg ist. Treue zu sich selbst bedeutet, seinen Weg zu gehen oder vielleicht besser: zu tanzen. Mit allen Umwegen, in der angemessenen Zeit, mit aller Liebe, die wir aufbringen können.
Von Gudrun habe ich gelernt, beharrlich und geduldig zu sein (und das als Widder!) für das, was meinem Herzen das wichtigste ist. Das kann für andere Menschen anstößig, unverständlich, verwirrend sein. Und dafür hat Gudrun auch eine Antwort: Sie leidet unter Demütigung, Erschöpfung, Sehnsucht und der ständigen Verlockung, mit einem einfachen, kleinen „Ja“ all das beenden zu können. Aber sie weiß, dass sie das Richtige tut.

Wann warst Du das letzte Mal wirklich sicher, dass Du das tust, was für Dein Herz das Richtige ist?
Es ist gar nicht so schwer: Du kannst es fühlen. Wenn es sich schwammig, wacklig, unsicher, aber trotzdem einfach nur schön anfühlt, dann ist es richtig.

Foto von M. Krumbiegel-Erdmann

Vor ein paar Jahren war Angelina Jolie ein großes Vorbild für mich. Nicht nur, dass sie eine großartige Schauspielerin ist, sie ist auch eine attraktive Mehrfach-Mutter. Ich dachte mir damals: Wenn sie das schafft, schaff ich das auch! Verrückt, denn ihre Lebensumstände sind so vollkommen anders als meine. Und trotzdem, es hat funktioniert.

Von Angelina habe ich gelernt, dass die Vorbilder gar nicht groß genug sein können. Die meisten Mehrfach-Mütter, die ich damals kannte, hatten ihre Weiblichkeit verloren zwischen Weckerklingeln, Putzen und Hausaufgabenhilfe. Ich kann das gut verstehen, diese Wucht an Anforderungen kann erschlagende Ausmaße annehmen. Viele haben leider auch ihre Lebensfreude verloren und agieren nur noch, um den Laden am Laufen zu halten. Jemand, der nicht glücklich ist, kann kein Vorbild sein.

Angelina hat hart daran gearbeitet, natürlich viel zu sehr gehungert, schließlich ist sie Hollywood-Schauspielerin. Das hatte keine Vorbildfunktion. Dafür aber ihr Wille, die zu sein, die sie nun mal ist.

Heute muß ich oft lächeln über die verwunderten Gesichter, wenn ich sage, ich habe vier Kinder.
Es macht mir einen diebischen Spaß, diese verstaubte Vorurteilskiste ordentlich in den Köpfen meiner Gesprächspartner zu entsorgen. Ich kenne inzwischen jede Menge schöner, weiblicher und lebenslustiger Mütter.

Also, kein Stern ist zu hoch, wenn er zu Dir paßt!
Du kannst genauso leuchten.

Herzliche Grüße aus der Anderwelt.

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