Fotografiert von Melanie Krumbiegel-Erdmann

Fotografiert von Melanie Krumbiegel-Erdmann

Es wird im allgemeinen als großartige Kulturerrungenschaft angesehen, dass die Brüder Grimm Märchen sammelten und aufschrieben. Ein Meilenstein des intellektuellen Fortschrittes.
Vielleicht stimmt das so, vielleicht ist es aber auch eher bedauerlich. Denn viele Jahrhunderte lang erzählten sich die Menschen ihre Geschichten mündlich. Und jeder Erzähler veränderte die Geschichte ein bißchen.

Authentisch lebendig

Natürlich könnte jetzt erbost nach der Authentizität der Geschichten gefragt werden. Aber genau das ist doch das Authentische! Nichts kann festgehalten werden, und doch gibt es eine Art Grundgerüst, eine innere Richtschnur, an der das Leben entlang wächst wie Efeu an einem Baum.
Jeden Tag gibt es beides: Wiederholung und Veränderung.
Auch eine Geschichte darf sich verändern, verändert werden. Immer, wenn wir jemandem etwas aus unserer Vergangenheit erzählen, erzählen wir diese Geschichte neu. Weil wir selbst nicht mehr dort sind, wo diese Geschichte sich einmal zugetragen hat.

Ich kenne das gut. Wenn ich Märchen erzähle, sind sie nie gleich. Bei den bekanntesten Grimm’schen Märchen fällt mir das allerdings sehr schwer, auch ein Grund, warum ich sie nicht so gern erzähle. Ich habe den Klang von Frau Holle, Schneewittchen und Dornröschen so sehr im Ohr, dass ich die Worte einfach nicht verändern kann. Und gerade bei diesen Märchen ist die Erwartung der Zuhörer, dass das Märchen so erzählt wird, wie es im Buche steht.
Puh! Ich empfinde das als sehr starr und unlebendig.
Jedes einzelne Wort an der richtigen Stelle ist für viele Menschen aber auch das Vertraute, Heimelige, das Geborgenheit und Sicherheit gibt.

Ein arabisches Märchen

Das arabische Märchen: „Die drei Haare des Löwen“ habe ich in erzählerischer Freiheit ebenso verändert, wie ich es mit den meisten Geschichten tue. Zwei Stellen, an denen die Frau von ihrem Mann geschlagen wird, werden mir nicht über die Lippen kommen. Und in meiner Version sucht sie keinen Wahrsager auf, sondern eine Wahrsagerin. Obwohl das, lebenspraktisch betrachtet, eher unproduktiv ist, eine Frau um Rat zu fragen wenn es um einen Mann geht.
Es war auch eher aus pragmatischen Gründen, dass ich den Wahrsager einer Geschlechtsumwandlung unterzog. Ich werde mit einer lieben Freundin diese kleine Geschichte als Mini-Theaterstück spielen zum Auftakt unserer neuen Frauentheatergruppe. Und so ist es jetzt in meinem Gedächtnis geblieben.

Die junge Frau Halima ist unglücklich mit ihrem Ehemann und sucht Rat. Die Wahrsagerin trägt ihr auf, drei Haare aus der Mähne eines lebendigen Löwen zu bringen.
Für mich ist das eine Geschichte von Mut und der Erfahrung der eigenen Stärke, in dem sie der eigenen Angst begegnet. Und das ist universell.

Kinderleichte Kreativität

Für mich ist Kreativität, das Alte zu nehmen, den universellen roten Faden zu finden und daraus das zu erschaffen, was wir heute sind und brauchen.

Kinder können das ganz leicht.
Als Beispiel ein kleiner Dialog mit meinem 13jährigen Sohn. Vor ein paar Tagen stürmte es draußen ordentlich. Beim morgendlichen Verabschieden in die Schule sagte ich:
„Viel Erfolg beim Kampf gegen den Sturmriesen.“
Er: „Du meinst, gegen den Steinriesen.“
Ich: „Nein, der ist ja aus Stein. Der Sturmriese ist aus Sturm.“
Er: „Du meinst einen Urklopen.“
Ich: .. denke .. denke .. denke .. „Du meinst den Vater der Zyklopen (einäugige Riesen aus der griechischen Sage)? Hat der auch ein Auge?“
Er: „Nein, der hat drei Augen und hat die Zyklopen erschaffen.“
Kleine Anmerkung: Den Urklopen hatte mein Sohn während unseres Dialogs erfunden.

So, und ich weiß jetzt, was ein Urklope ist. Was mir das nützt? Ich weiß nicht, mal sehen. Dieses Wort geht auf jeden Fall in meine Schatzkiste seltsamer Wortschöpfungen und macht mir Freude immer wenn ich daran denke. Ohne dieses Wort hätte ich diese Freude nicht.
Das ist doch was!

Wir können Geschichten verändern, aber Geschichten verändern auch uns. Es ist eine lebendige Beziehung des Nehmens und Gebens.

Manchmal aber ist es gut, alte persönliche Geschichten nicht mehr zu erzählen. Denn wir sind nicht mehr dort, wir haben uns verändert und die alten Wunden durften sich verwandeln.
Doch das ist eine andere Geschichte.

Verdammt nicht gleich den andern.
Übet Milde. Verzeiht. Entschuldigt.
Denkt an eigne Schuld.
Wenn jeder alles von dem andern wüsste,
es würde jeder gern und leicht vergeben.
Es gäbe keinen Stolz mehr,
keinen Hochmut.

Hafis, persischer Dichter

Herzliche Grüße aus der Anderwelt

https://www.youtube.com/watch?v=b0jW7yrxaFk

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