Geschichtenheilkunst - Verbunden mit den Erdmüttern --- Märchenerzählerin, Märchentherapeutin, Entspannungspädagogin

Es muß nicht immer elfenhaft sein – Die kluge Gretel

Ich habe zwar neulich geschrieben, die Brüder Grimm hätten nicht viel Humor gehabt, aber die eine oder andere Schelmengeschichte hat es doch in ihre Sammlung geschafft.

„Die kluge Gretel“ ist weder romantisch noch zauberhaft und hat keinerlei anderweltliche Anwandlungen. Diese Geschichte ist noch nicht einmal mit einem moralisch ordnenden Satz versehen, der die Welt im Sinne der gesellschaftlichen Erwartungen wieder gerade rückt. Die wiederum sind ja bekanntlich nicht immer unserem Wohlergehen zuträglich und sollen darum mit Hilfe von Erziehung, Manipulation und Gruppendruck wiederspruchslos erfüllt werden. Da kann das „klug“ hier wohl auch nicht ganz so ernst genommen werden … oder?

Gretel ist eine Köchin, die gern das eine oder andere für sich abzweigt. Interessanterweise taucht an keiner Stelle der Geschichte ein erzieherischer Hinweis auf, wie schlecht und verwerflich sie handelt. Wir erfahren aber auch nichts darüber, warum sie das tut. Ob ihr Dienstherr ihr zu wenig Lohn zahlt, sie ungerecht behandelt oder sie einfach die Grenzen zwischen Mein und Dein nicht so ernstnimmt.

Letzteres ist ja genau das Verhalten, das uns so sehr bei vielen Bankern aufregt. Und schon sind wir mit einer alten Geschichte mitten in unserer modernen Welt. Treue, Anstand, Redlichkeit, Vertrauen sind Tugenden, die auch in vergangenen Zeiten hart erarbeitet und gelernt werden mussten. Allerdings glaube ich, dass es in dieser Geschichte um das befreiende Lachen geht, wie in allen Schelmengeschichten. Denn die Situation ist umgekehrt. Die Abhängige wehrt sich mit ihren Mitteln. Und da immer zwei dazu gehören, wird es wohl eine eher unrühmliche Vorgeschichte und gute Gründe geben, warum Gretel sich zwei Hühner, die für das Gastmahl bestimmt waren, und eine ordentliche Menge Wein einverleibt.

Vielleicht haben die Brüder Grimm in ihrem aufklärerischen Bereinigungswillen den Anteil des Dienstherren an der ganzen Misere schlichtweg unterschlagen, um das seltsame Verhalten der Köchin Gretel auf ihren Alkohlgenuß zu schieben. Wahrscheinlich hat sie ganz einfach in ihrer weinseligen Umnachtung vergessen, wo ihr Platz ist … Dies wäre jedenfalls in Grimm’schen Sinne.

Letztlich tut Gretel etwas, das ich allen gesellschaftlichen Regeln zum Trotz sehr sympathisch finde: Sie sorgt gut für sich. Denn ich frage mich jedes Mal, wenn ich diese Geschichte erzählen möchte, was denn um himmelswillen die Gretel essen soll, wenn der Herr nur zwei Hühner für sich und den Gast mitbringt.

Wie auch immer, am Ende bleibt, wie in jedem gutem Kabarett, der erlösende Humor, der die Last der Ungerechtigkeit erleichtert – bis zum nächsten Mal.

Herzliche, heute nicht ganz so märchenhafte Grüße aus der Anderwelt.

https://www.youtube.com/watch?v=kPa9-pUS4T0

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