Geschichtenheilkunst - Verbunden mit den Erdmüttern --- Märchenerzählerin, Märchentherapeutin, Entspannungspädagogin

Schlagwort: Weisheit-der-Märchen

Alles sinnlos?

Das Gefühl, dass man mehr und mehr verliert, dass das, was sicher und vertraut war, aus den Händen gleitet, ist eine der größten Herausforderungen des Menschseins.

Vor allem heute, in dieser Gesellschaft und zu dieser aktuellen Corona-Zeit, die uns vor so viele neue Situationen stellt. Als erstes versucht man, die vertrauten Wege einzuschlagen und wählt Verhaltensweisen, die mit dem Vergangenen kongruent sind.

Doch Verlust bedeutet ja gerade, dass das Bisherige so nicht mehr geht.

Aus dem Hospiz-Bereich, der Begleitung von Sterbenden, kommt ein Impuls, den wir ins unserer Spaß-und-Komfortzonen-Selbstverständlichkeit meiden wie die Pest: Das Loslassen muss man ein ganzes Leben lang einüben. Am besten so bewusst wie möglich.

Das bedeutet, offenen Auges den Schmerz des Lebens zu akzeptieren. Und da sind wir bei dem größten Knackpunkt unserer dualistisch geprägten Wertegesellschaft. Wir meinen, dass es nur schwarz oder weiß, gut oder böse, richtig oder falsch gibt. Schon vor sehr langer Zeit haben wir die Selbstverständlichkeit des Grauzone, des Undefinierbaren, Unkontrollierbaren verlassen.

Verlieren ist äußerst unangenehm. Es wird etwas genommen, dessen wir uns so vollkommen sicher waren. Und dieser Verlust stellt mehr und mehr das ganze persönliche Leben infrage, lässt an den eigenen Entscheidungen zweifeln und das bisher sichere innere Haus bröckeln.

Und unweigerlich stellen wir uns die Fragen: War und ist denn alles sinnlos?

Verlusterfahrungen bringen uns in den Raum des Undefinierbaren, in die Wildnis der Seele. Und es wäre so schön, wenn man einfach irgendjemandem dafür die Schuld geben könnte. Manchmal, zeitweise ist das auch entlastend. Nur für die eigene innere Heilung kann von diesem Schuldkonzept keine Hilfe erwartet werden.

In vielen alten Geschichten wird uns Mut gemacht, mit Verlust bewusst umzugehen.

Nun ist „Hans im Glück“ eher eine Kunstgeschichte, ein Schwank aus einer zeitgenössischen Zeitschrift, die den Brüdern Grimm offenbar gut und richtig schien, sie in die Kinder- und Hausmärchen aufzunehmen. Und es liegt nahe, dass der Verfasser sich wohl eher über die Dummheit des Helden, der am Ende glücklich gar nichts mehr in der Hand hat, lustig macht, als dass er uns eine tiefgründigere Weisheit mitgeben wollte.

„Hans im Glück“ hat so viele Gesichter, so viele Perspektiven und Interpretationsmöglichkeiten, dass es einfach kein So-ist-es geben kann. Das macht diese Geschichte ganz unversehens zu einem kostbaren kleinen Stück Erzählpoesie.

Und siehe da! Die eine Weisheit zumindest liegt ganz offen da: Loslassen, loslassen, loslassen – bis man endlich vollkommen glücklich und frei ist.

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Es sind doch bloß Märchen

Neulich schrieb ich einem Herren, den ich fälschlicherweise für kompetent gehalten hatte. Ich suchte nach einer kulturellen Hintergrundinformation für mein nächstes Theaterjugendprojekt. Obwohl nicht darum gebeten, teilte er mir seine Meinung zu meiner Arbeit mit: „Sicher trägst du Märchen ganz gut vor, aber nützen wird das niemandem. Es sind doch bloß Märchen.“

Das ist, als würde ich eiskalte Suppe vorgesetzt bekommen. Was soll ich damit anfangen? Ich bat um eine Gabe für meinen Kessel auf dem Feuer der Inspiration. In den Kessel hinein kommen Ideen, Informationen, Bilder, viel Liebe, Spiellust, gelerntes Wissen und gelebte Erfahrung. Dann kocht es gut durch, bis es meine magische Suppe wird. Aus diesem Kessel schöpfe ich für das Projekt, nein, besser gesagt: für die Menschen, die daran beteiligt sind.

Ich verstehe, wenn mein wahlloses Einsammeln nicht leicht verständlich ist, daher hatte ich es dem Herrn so gut wie möglich erklärt, das Warum und Wieso. Doch der Herr blieb bei seiner Abwertung meiner Arbeit und es endete damit, dass ich keinen Kontakt mehr mit ihm möchte.

Denn genau das ist mein Thema seit meiner Kindheit. Ich weiß, dass diese kurze Kommunikation mit diesem Herrn ein Test des Lebens war. „Na, weißt du jetzt wer du bist? Kann er dich verunsichern, erschüttern auf deinem Weg, kann er dich an dir selbst zweifeln lassen?“

Das Leben ist nicht boshaft. Diese pure, strahlende, behütende und herausfordernde Lebenskraft ist für mich die alte Göttin, die weibliche, schöpferische Urkraft der Erde. Sie liebt auf eine Weise, die mich wachsen läßt. Immer neue Türen öffnen sich, immer klarer und heller wird mein inneres Schloß. Es ist ein Märchenschloß, na und?!

Heute Nacht hatte ich dann wieder die Begegnung mit meinem tiefsten Seelenschmerz, gespeichert in meinen Körperzellen. Meine ganz persönliche Hölle kommt immer nachts. Lange Zeit war es ein schwarzer Mann, den es in meiner Kindheit tatsächlich gab. Inzwischen ist er verschwunden – die Arbeit vieler Jahre. Doch der Schmerz der Verachtung, der Entwürdigung, der Entwertung hat mich zu lange begleitet. Ich bilde mir nicht ein, diesen alten Lehrmeister in diesem Leben noch vertreiben zu können. Er ist mein Begleiter in den stillen, dunklen Stunden der Nacht, zwischen Schlaf und Traum. Und er hat immer eine Botschaft. Heute Nacht durfte ich sie erkennen, vollkommen erschöpft, wie stets nach solch einer Höllennacht, doch dadurch auch offen für meine tiefste Seelenwahrheit.

Wie ich es seit einigen Jahren tue, verbinde ich mich in solchen Schreckensnächten mit dem, was weit über meine kleines Menschen-Ich hinausweist. Die Göttin der Tiefe, dem lichtvollen Strom der Höhe, den geduldigen und unbeugsamen Gesetzen der allumfassenden Liebe – durch solche Nächte verstand ich die Paradoxie der Märchen und uralten Weisheitsgeschichten.

Wenn Frau Holle durch einen Brunnen zu finden ist, in einem Land, in dem aus der Höhe der Schnee auf die Menschenwelt fällt. Wenn Rhiannon, die Feenkönigin, aus der Anderwelt kommt, aus Liebe zu einem König ihre Unsterblichkeit aufgibt, sich viele Jahre ungerechtfertigt demütigt ohne zu klagen, weil die Menschen nichts verstehen – und am Ende voller Stolz und ohne jeden Vorwurf wieder ihren Thron als Königin einnimmt. Wenn das Mädchen im Papierkleid mitten im Winter hinter dem Haus der drei kleinen Männchen im Walde Erdbeeren findet …

Ich verband mich also mitten im Grauen mit der Kraft, die mich hält. Nein, das ist nicht leicht, es ist anstrengend. Die Aufgabe ist, nicht aufzugeben. Die Prinzessin auf der Suche nach ihrem verwunschenen Liebsten muß in eisernen Pantoffeln so lange laufen, bis sie ihn findet. Sie geht zum Mond, zur Sonne, zu den Sternen. Und selbst, als sie ihn endlich findet, muß sie weiter und weiter kämpfen. Denn auf ihm liegt der böse Zauber einer Anderen, die ihn für sich will. Mit Klugheit, Geduld und den Geschenken der Himmelsmächte erlöst die Prinzessin den Prinzen.

In der Dämmerung stieß mein Geist plötzlich ein Tor auf und Licht überflutete meine Seele. Ich bitte immer um die Wahrheit, wenn ich etwas nicht verstehe. Und ich verstehe oft nicht, warum etwas in meinem Leben geschieht. Ich verstehe die Menschen oft nicht, warum sie sich verhalten, wie sie sich verhalten, und was das alles mit mir zu tun hat. Ich suche immer nach der Bedeutung.

Meine Töchter, meine eigenen Kinder und inzwischen junge Frauen am Anfang ihres Erwachsenenlebens, brauchen zur Zeit den Abstand. Sie holen sich was sie brauchen auf eine Weise, die mich zutiefst verletzt und erschüttert. Ihre Worte und Taten widersprechen meinen eigenen Werten, die ich mir hart erkämpft und verteidigt habe. Sie rütteln an meiner Selbstliebe.

Und ganz besonders Weihnachten ist für familiäre Schmerzen prädestiniert. Dass meine Söhne heute wieder für einen Monat zu ihrem Vater – und damit auch zu ihren Schwestern – gehen, war der Auslöser für meine nächtliche Traumreise zum Grund des bitteren Kelches.

Abwertung, Verachtung, Entwertung. Dass die Menschen, die ich am meisten liebe, sich dieser Mittel bedienen, kenne ich gut. Wie vertraut ist mir da Aschenputtel, der immer wieder auftauchende Dummling oder Wassilissa, die Weise. Dieses Motiv gibt es in so vielen europäischen Märchen. Am Ende gewinnen sie etwas, das sie nicht nur von allem erlöst, sondern sie weit über alles Vorherige erhebt.

Als sich in der Dämmerung das innere Tor öffnete, erkannte ich eine Wahrheit, die alles, alles erklärte: in mir ist ein Seelenkern, etwas vollkommen Unverletzbares, Unerschütterliches. Keine Demütigung, keine Ausgrenzung, keine Herabwürdigung kann diesem inneren Seelenkern, diesem Licht, diesem ewigen Sein auch nur das Geringste antun. All das ist real gefühlter Schmerz und möchte gesehen und respektiert werden. Aber es zerstört nicht das, was ich in Wirklichkeit bin. All diese Ereignisse, mein ganzer Weg hat nur diese eine Botschaft: nicht einmal das Schrecklichste, das du dir vorstellen kannst, hat die Macht, deine innere Wahrheit zu zerstören.

Ich nehme als Weise Wassilissa das Feuer der Baba Yaga und verbrenne alle Verachtung. Ich gehe unter das Bäumchen in Aschenputtels Garten, lasse mich mit dem Kleid aus Samt und Seide beschenken und zeige mich. Ich erzähle dem schlafenden Prinzen Geschichten, bis der Zauber gebrochen ist.

Es sind ja bloß Märchen.

Sei herzlich eingeladen in die Welt der Märchen.

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