Geschichtenheilkunst - Verbunden mit den Erdmüttern --- Märchenerzählerin, Märchentherapeutin, Entspannungspädagogin

Unabhängigkeit – Die Geschichte der Königin Rhiannon

BallonsIn letzter Zeit spreche ich häufiger mit Frauen, die kurz vor der Trennung von ihrem Partner stehen. Immer sind Kinder mit im Spiel. Es sind kraftvolle, oft spirituelle, wache Frauen mit einer großen Sehnsucht nach einem authentischen Leben. Das Gefühl, alles lastet auf den eigenen Schultern, die Organisation in der Familie, die Arbeit, die Stimmung in der Familie, der Kontostand, die Schule und natürlich der Zustand der Partnerschaft. Zu wissen, dass frau so vieles versucht hat und die Schere nur noch größer geworden ist. Sich gefangen zu fühlen zwischen allen Stühlen und nur noch ein kleiner Ruck fehlt, der entscheidet, ob sich frau selbst nun endgültig verliert oder mutig, aber schmerzhaft auf den eigenen Weg begibt.
Der Ruf des Herzens nach Freiheit und Unabhängigkeit.

Der Preis der Unabhängigkeit.

Ich kann das sehr gut nachfühlen und ich bereue meine Entscheidungen diesbezüglich nicht. Vor fünf Jahren war ich nicht annähernd so in Frieden und Harmonie mit mir selbst wie heute. Doch gleichzeitig kommt mir auch der Gedanke: „Ihr wißt nicht, was ihr für einen Preis für diese Unabhängigkeit zahlt.“

Es ist eine Tatsache, dass Mutter- und Frausein trotz aller Emanzipationsbewegung, Gleichstellung und Gleichberechtigung (die für mich, und ich weiß, dass das politisch unkorrekt ist, nur wenig mit echtem Frausein zu tun hat) weder angesehen ist noch respektvoll behandelt wird.

Schlechte Welt?

Nun könnte ich mich in die Ecke setzen und darüber jammern. Ich könnte mich plötzlich genauso gefangen fühlen wie vor der Trennung. Ich könnte mich nach einer Gesellschaft sehnen, die den Müttern mehr Wertschätzung entgegen bringt, auf alle Männer schimpfen und ihren patriarchalen Einfluß, die immer noch unsere Welt regiert.

Natürlich ist das eine ungerechte und wenig zielführende Verallgemeinerung. Doch dann geht es weiter.

Die plötzliche Erkenntnis, dass die eigenen Kinder unter der Entscheidung leiden und niemand ihnen diesen Schmerz abnehmen kann. Das Bewußtsein, wie einschneidend sich alles verändert hat und die Mühen, die es vorher so nicht gab. Die Frage, ob frau wirklich alles versucht hat und wie es wäre, wenn alles ganz anders gekommen wäre.

Alles darf sein.

Genau diese Gedanken – nicht die äußeren Umstände! – bringen wieder in die Abhängigkeit, der ich doch entfliehen wollte. Zunächst einmal dürfen sie einfach da sein. Alles will und muß gefühlt und gedacht werden, um der Seele zu erlauben zu gesunden. Es darf sich zeigen, ganz im systemischen Sinne.
Und dann darf es wieder gehen.

DENN: Unser gesamtes irdisches Dasein befindet sich in Abhängigkeiten.

Die Erfahrungen einer Trennung sind ja nur beispielhaft.
Die meisten Menschen jeden Geschlechtes fühlen sich abhängig vom Geld. Oder von was auch immer: Das Auto, die Eltern, die Mode, der Chef, der Staat, Essen, Wasser, die Medizin …

Natürlich sind wir abhängig und das sollte respektiert werden. Vor allem: Wir FÜHLEN uns abhängig. Punkt. So ist es.

Unabhängigkeit ist nicht an Äußerlichkeiten gebunden.

Vielleicht ist es der Tatsache geschuldet, dass ich in einer Gewissensdiktatur aufgewachsen bin, in der einheitliches Denken und Handeln gefordert war. Aber verwendbar ist die Erkenntnis, dass Unabhängigkeit ein Geisteszustand ist, für alle Menschen. Denn jeder Mensch befindet sich in irgendeiner Art Abhängigkeit. Selbst die reichsten und mächtigsten.

Die Sehnsucht nach Unabhängigkeit hat ihre vollste Berechtigung und ist ein wichtiger Wegweiser für notwendige Veränderungen. Die Seele sehnt sich nach Entwicklung. Doch sind wir ein Stück gegangen, kommen die Zweifel am eigenen Weg. Uns dämmert, dass wir nun schon wieder in Abhängigkeiten gelandet sind, ein Zustand, den wir doch eigentlich loswerden wollten.

Es ist ein schwerer Schritt, das einzusehen.

Innere Unabhängigkeit macht frei von den äußeren Umständen.

Sie entläßt uns nämlich aus den Zwängen und Nöten, die sich ständig in unserem Kopf abspielen. Geistige, gedankliche Unabhängigkeit setzt die natürliche Kreativität, die in jedem Menschen angelegt ist als Werkzeug der Problemlösung, frei.

Es drängt sich die Frage auf, wie man nun diese Unabhängigkeit findet.

Mir fiel in diesem Zusammenhang die Geschichte von Rhiannon, der Großen Königin, ein.
Zum Thema innere Freiheit und selbstbestimmtes Leben sind die alten Kelten einfach wegweisend für mich. Die Geschichte finden wir in der walisischen Geschichtensammlung Mabinogion. Es gibt verschiedene Ausschmückungen der Details, aber der Kern bleibt gleich, wo immer ich diese Geschichte auch lese.

Rhiannon oder Rigatona (ein Göttinnenname, weil „ona“) ist eine Feenkönigin. Sie kommt aus dem Reich unter den Hügeln und reitet auf einem weißen Pferd. Sie ist eine alte Pferdegöttin, deren Mythologie und Ritus in Legenden und Sagen aufgegangen ist, so wie es den meisten alten Göttern wiederfuhr.

Ihr Herz wählt den sterblichen König Pwyll zum Mann und damit gibt sie ihre Anderweltlichkeit auf. Sie warten lange auf ein Kind, doch endlich wird ein Sohn geboren. Das Kind verschwindet allerdings auf mysteriöse Weise kurz nach der Geburt. Die Dienerinnen, voller Angst, selbst dafür verantwortlich gemacht zu werden, beschuldigen Rhiannon, das eigene Kind gefressen zu haben.

Eine seltsame Strafe

Der König verhängt eine für uns heute merkwürdige Strafe. Rhiannon muß als Torhüterin jedem, der hereinkommt, ihre Geschichte erzählen und ihm anbieten, ihn auf dem Rücken durch den Hof zu tragen.

Welch Bedeutung Geschichtenerzählen hatte!!
Mythologisch gesehen geschieht hier eine Verwandlung, die Göttin selbst wird zum Pferd.
Doch darum soll es hier nicht gehen.

Verlust und Kummer

Diese Frau wird auf sehr schmerzhafte Weise gedemütigt. Bei den Grimm’s sollen in diesen Fällen (z.B. Marienkind, Die sieben Raben) die Heldinnen gleich sterben. In der keltischen Geschichte aber ist die Strafe weitaus schlimmer, denn für die Kelten war die Welt der Toten gleich der Anderwelt. Sie hat nicht nur ihr geliebtes Kind und die Liebe ihres Mannes verloren, sondern auch ihre Stellung als Königin, ihren Reichtum, ihr Ansehen. Sie muß auf ungewöhnliche Weise sehr hart arbeiten und wird dafür auch noch verachtet (denn ihre Geschichte klingt schändlich), ohne etwas dafür zu können.

Ein unabhängiges Ende

Am Ende geht es gut aus. Nach einigen Jahren kommt ein Mann mit einem Kind. Er hat von dem Schicksal der gestürzten Königin gehört und bringt ihr ihr Kind zurück. Es war auf wundersame Weise in seinen Stall gekommen und er hatte es wie sein eigenes Kind aufgezogen. Nun aber brachte er es zurück, denn er hatte erkannt, wohin es gehörte. Die Königin und der König (aha!) erkennen das Kind als ihr eigenes.

Was geschieht aber nach dieser Demütigung?
Rhiannon braucht keine Entschuldigung und keine Wiedergutmachung.
Sie setzt sich auf ihren Thron und ist einfach die, die sie schon immer war: eine Königin, eine Göttin. Weil sie es nie vergessen hat. In ihren Gedanken und Gefühlen war sie zwar die leidende Frau und Mutter, aber eben auch die strahlend schöne und mächtige Reiterin des weißen Pferdes. Sie hat selbst gewählt, wie sie sich sehen will. Und aufgrund dieses Wissen hatte sie die Kraft, all die Jahre durchzuhalten, denn sie hat sich ihre geistige Unabhängigkeit von den äußeren Umständen bewahrt.

Sie gilt übrigens als Beschützerin der verzweifelten, zweifelnden, mühsam beladenen Menschen, die das Gefühl haben, die ganze Last der Welt liege auf ihren Schultern.

Jeder Mensch hat immer die freie Entscheidung.

Bleiben wir in der Opferhaltung und finden tausend Gründe dafür, sie nicht verlassen zu können? Oder lassen wir los und halten Ausschau nach anderen Möglichkeiten?
Das Leben ist nach wie vor ein großes Rätsel. Daran kann keine Abhängigkeit etwas ändern.

Wir haben alle eine eigene innere Welt und bringen sie ständig zum Schweigen.
Aber genau dort wohnt unsere Unabhängigkeit, in welchen Bildern auch immer. Ob sie nun märchenhaft sind, sich im Weltraum befinden, in vergangenen Zeiten und Epochen. Alles ist möglich, alles, wofür unser Herz schlägt. Was dort ist, hat seine Berechtigung. Es ist ein Spiegel unserer Seele. Eine bewußte Reise dorthin wird uns viele Antworten bringen.
Der Geist will frei fliegen. Lassen wir ihn doch endlich!

Und das Beste ist: Nichts und niemand kann darauf zugreifen, wenn wir es nicht wollen.
Denn Freiheit fängt im Kopf an.

Aber das ist eine andere Geschichte.

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  1. Eine sehr eindrucksvolle Geschichte die zum Nachdenken anregt. Ich finde mich auch in einigen Passagen wieder!
    Liebe Grüsse
    Claudia

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