Kaum jemand kann sich diesem Gefühl entziehen. Wir alle sind auf die eine oder andere Weise nicht so gewünscht und gewollt, wie wir nun mal sind.

Zu dick, zu dünn, zu dumm, zu klug, zu arm, zu reich, zu viele Ideen, zu unbegabt, zu neugierig, zu faul, zu ratlos … – die Frage ist nur: Für wen? Wenn wir vollkommen frei wären von jeglichem Urteil außerhalb unseres Selbst, würden wir uns vollkommen fühlen. Wir würden uns vollkommen FÜHLEN.

Nun ist es aber so, dass der Mensch die Gemeinschaft braucht, um sich entwickeln und sein Leben kreieren zu können. Und die Gesellschaft, in der wir derzeit leben, ist durch eine jahrtausendelange Abwertung des Individuums geprägt.

In den meisten Märchen mit Heldenreise ist der Ausgangspunkt eine permanente Abwertung des Helden oder der Heldin. Sie werden verspottet.

Im Märchen „Zwölf Brüder und ihre Schwester“ aus der Sammlung der Brüder Grimm (Text siehe unten) kommt noch eine andere märchenbekannte Version des Ungewolltseins, die sich durch die ganze Geschichte zieht. Der König will seine zwölf Söhne nicht, die zwölf Brüder wollen keine Mädchen und die Mutter des jungen Königs will ihre Schwiegertochter nicht.

Warum der alte König seine eigenen zwölf Kinder töten lassen will, wenn er als dreizehntes ein Mädchen bekommt, wird nicht erklärt. Vielleicht war die Erklärung zu deutlich unsympatisch; immerhin steht der Alte König in der Symbolsprache mit seinem Schattenaspekt für den machtgierigen, zentralistischen Tyrannen, der nicht bereit ist, seinen Thron freiwillig dem Jüngeren zu übergeben – ein Kennzeichen des Patriarchats. Hätten das Erzähler über die vielen Jahrhunderte weitererzählen sollen? Erzähler, die von Ort zu Ort zogen, waren kostbare Propagandaträger der Herrschenden, die auch gern mal münzschwer beauftragt wurden.

Welches Motiv könnte also der König haben? Er fühlt sich in seiner Allmacht bedroht. Ein Mädchen macht ihm da wesentlich weniger Schwierigkeiten.

Die Brüder wollen keine Mädchen, sie wollen sie sogar töten, so groß ist ihr Schmerz. Das Ungewolltsein hat bei ihnen einen ebenso lebensvernichtenden Ausdruck gefunden, wie bei ihren Vater.

Die Schwiegermutter wiederum will die junge Königin nicht, weil sie sich – wie ein Spiegelbild für den alten König – in ihrer Macht über ihren Sohn bedroht fühlt. Vielleicht hat auch sie Angst, dann nicht mehr gewollt zu sein. Auch sie geht bis zum Äußersten und will den Tod ihrer Schwiegertochter.

Wenn wir uns ungewollt fühlen in unserem So-sein, fühlen wir uns in unserer Integrität bedroht. Fast alle Verlockung der Konsumgesellschaft dreht sich einzig und allein darum, endlich endlich gewollt, anerkannt, geliebt und geschätzt zu werden.

Vielleicht sollten wir anfangen, uns selbst mit unserem ganzen Willen so anzunehmen, zu lieben und zu schätzen, wie wir sind. Das ist keine leichte Aufgabe, denn die tiefgreifende Abwertung tragen wir seit Generationen in uns.

Fangen wir doch mit ganz kleinen Schritten an. Finden wir jeden Tag eine kleine Gelegenheit, uns ehrlichen Herzens zu wertschätzen und uns so zu nehmen, wie wir nun mal sind – mit unseren Marotten, unseren Eigenheiten, unserer Unperfektheit, unseren Zweifeln und Ängsten, unseren Pfunden, den unerfüllten Wünschen und unseren Mißerfolgen.

Einfach so, ganz menschlich, in unserer ureigenen, wunderschönen, unvollkommenen Wahrhaftigkeit.

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Da der Text des Märchens „Zwölf Brüder und ihre Schwester“ von 1810 nicht im Internet zu finden ist, sondern nur die stark überarbeitete Version Letzter Hand, folgt nun hier das Märchen zum Nachlesen:

Zwölf Brüder und das Schwesterchen

Es war einmal ein König und eine Königin, die hatten zwölf Kinder zusammen, die waren alle Jungen. Und der König sprach, wenn das dreizehnte Kind ein Mädchen wäre, so wollte er alle seine 12 Söhne umbringen, wenn es aber wieder ein Sohn wäre, so sollten sie am Leben bleiben. Da wurde die Königin gar traurig und hatte ihre 12 Söhne von Herzen gar lieb und ging zu ihren 12 Söhnen und sprach zu ihnen: der König euer Vater hat gesagt, wenn ich ein Mädchen kriegte, so wolle er euch alle umbringen, wenn es aber noch ein Brüderchen wäre, so wolle er auch alle leben lassen. Und die Mutter riet ihnen und sprach: „Herzliebe Kinder, geht in den Wald, und wenn es ein Söhnchen ist, so will ich oben auf dem Turm eine weiße Fahne aufstecken, ist es aber ein Töchterchen, eine rote, so kann auch der Vater doch nicht töten.“ Also gingen die zwölf Kinder in den Wald und guckten alle Tage nach dem Schloss und sahen immer keine Fahne wehen. Eines Tages aber sahen sie eine rote Fahne wehen und wurden recht erzürnt, dass sie um eines Mädchens willen alle hätten sterben sollen. Sie schwuren, sie wollten im Wald leben und jedem Mädchen, das hinein käme, aufpassen und wollten es umbringen. Jeden Tag gingen elf von ihnen auf die Jagd, und einer musste abwechselnd immer zu Hause bleiben und kochen und den Haushalt führen.

Und das Schwesterchen war ganz allein zu Haus. Eines Tages wurde ihm die Zeit gar zu lang, da ging es aus und kam in den Wald und kam dahin, wo seine zwölf Brüder wohnten. Die waren aber alle ausgegangen, außer der eine, der kochen musste. Und wie er das Mädchen sah, so wollte er es umbringen, denn er hatte den Schwur also getan. Da flehte ihn das Mädchen um das Leben, und es wollte ihnen auch kochen und das Haus zurechthalten, wenn er es leben ließe. Zum Glück war es der jüngste Bruder, der wurde erbarmt und versprach ihm das Leben zu lassen. Als die anderen elf von der Jagd nach Hause kamen, so verwunderten sie sich, das lebendige Mädchen zu finden. Der jüngste Bruder sprach und sagte: „Liebe Brüder, da ist das junge Mädchen in den Wald hereingekommen und hat mich so sehr um ihr Leben gebeten, so habe ich gedacht, es könnte uns kochen und den Haushalt führen, so könnten wir auch alle zwölf zusammen auf die Jagd gehen.“ Und da ließen es die anderen Brüder zu. Nun gingen sie immer alle zwölf aus auf die Jagd und das Schwesterchen blieb allen zu Haus, machte die Betten und kochte das Essen.

Nun eines Tages, da die zwölf Brüder wieder aus waren, ging das Schwesterchen in den Wald spazieren und kam an einen Platz, da standen zwölf weiße Lilien, die waren so schön, und es brach sie alle miteinander ab. Da war eine alte Frau, die sprach: „Ach mein Töchterchen, warum hast die zwölf Studentenblumen (Lilien) nicht stehen gelassen. Das sind deine zwölf Brüder und die müssen nun alle in zwölf Raben verwandelt werden.“ Da fing das Schwesterchen an zu weinen vor großer Traurigkeit, dass es das getan hatte, und sagte, ob denn gar kein Mittel wäre, die zwölf Brüder zu erlösen. Die alte Frau sagte: „Es ist nur eines, das ist aber sehr schwer.“ Und das Kind sprach, sie möge es nur sagen. Da sagte sie: „Du musst zwölf ganze Jahre stumm sein und kein einziges Wort reden. Und wenn nur noch eine Stunde an den zwölf Jahren fehlte, und du hättest ein einziges Wort geredet, so ist alles verdorben und deine Brüder werden nimmermehr erlöst.“

Eines Tages geschah es, dass ein Königssohn in dem Wald jagte, der sah das Mädchen und fragte es, ob es mit in sein Königreich kommen und ihn heiraten wollte. Es war aber ganz still und antwortete keine Silbe. Da nahm er es mit sich und hielt Hochzeit mit ihm. Die Schwiegermutter konnte es aber nicht leiden und meinte, es sei ein gemeines Mädchen. Die böse Schwiegermutter fing nun an, es bei dem König zu verleumden und ihm die schändlichsten Dinge nachzusagen. Weil es sich mit keiner Silbe verteigte, so glaubte es zuletzt der König und verurteilte es zum Tode. Er befahl, ein großes Feuer anzumachen und es zu verbrennen. Und als es am Feuer stand, so war eben die letzte Stunde verflossen von den zwölf Jahren. Man hörte ein Geräusch in der Luft und zwölf Raben kamen geflogen. Als sie auf die Erde kamen, wurden sie zwölf Königssöhne und machten ihre Schwester los. Ihre Unschuld kam an den Tag. Die böse Schwiegermutter wurde aber in ein Fass siedenden Öl getan, worin giftige Schlagen waren.

Entnommen dem Buch: Die ursprünglichen Märchen der Brüder Grimm. Kurt Derungs. 2010. AMALIA Verlag

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