Vor kurzem war ich in Berlin und musste an der Frankfurter Allee umsteigen. Unter der S-Bahn-Brücke über die Frankfurter Allee liegen in Schlafsäcken Obdachlose. Es sind junge Leute, aneinander gekuschelt, mit abwesendem Blick. Tausende Menschen laufen täglich an ihnen vorbei, denn hier kreuzen sich U- und S-Bahn, zwei große Einkaufscentren dürfen natürlich nicht fehlen. Die Frankfurter Alle ist eine der stärksten Verkehrsschlagadern Berlins.

Die vorbeilaufenden Menschen sehen kaum hin. Es ist unangenehm. Es stinkt. Die apathischen jungen Leute demonstrieren auf ihre Weise das Scheitern gesellschaftlicher Strukturen.

Würde bedeutet, das Gegenüber als Subjekt wahrzunehmen, nicht als Objekt der eigenen Bedürfniserfüllung. So drückt es Prof. Gerald Hüther aus. Aus der von ihm initiierten Akademie für Potentialentfaltung kommt der Impuls für den Verein Würdekompass e.V.

Weil wir wieder lernen müssen, was Würde überhaupt ist und wie man eigentlich würdevoll miteinander umgeht.

Wenn Würde selbstverständlich wäre, würden diese jungen Leute vielleicht einen anderen, selbstbestimmteren Handlungsspielraum haben, ihr Leben zu gestalten. Unter einer Brücke zu landen und vor den Augen unzähliger Menschen dahinzuvegitieren ist ein Ausdruck für die Würde- und Respektlosigkeit unseres Miteinanders. Diese Menschen, die vielleicht hochgradig intelligent und kreativ sind, befinden sich im Zustand der Selbstverachtung – weil sie selbst verachtet worden sind.

Würde hat nichts mit dem Alter zu tun. Auch unseren Alten gegenüber mangelt es an Würde. Verachtung, Spott, Forderungen sind der Grundtenor in der Kommunikation mit der älteren Generation. Wir haben für ein würdevolles Miteinander keine Vorbilder mehr.

Und jetzt in Corona-Zeiten geht oft das bißchen Würde vollends verloren. Würdelos werden Menschen zum Objekt fremder Interessen gemacht. Die beiden Grundbedürfnisse des Menschen, Freiheit und Verbundenheit, können kaum noch erfüllt werden. Prof. Hüther sagt, dass das Gefühl, diesen Grundbedürfnissen nicht nachgehen zu können, in den gleichen Hirnarealen befeuert wird, wie das Schmerzerleben. Es tut uns weh, wenn wir uns nicht verbunden und frei fühlen dürfen.

Auch wenn dieses Thema recht modern erscheint: es ist ein älteres Problem. Die Frage danach, was ich bereit bin zu ertragen für die Gemeinschaft, für die Freiheit und Verbundenheit meiner selbst und der anderen, was ich bereit bin zu geben im Zusammenleben mit anderen Menschen, war stets wesentlich.

Wer bin ich, dass ich meine eigenen Bedürfnisse über die des anderen stellen darf? Wer bin ich, meine eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zu vernachlässigen? Es ist ein ständiges Wechselspiel, das Achtsamkeit erfordert, aber auch das Wissen darum, dass wir Fehler machen müssen, um überhaupt zu lernen und uns weiterzuentwickeln.

In der Geschichte der Brüder Grimm: „Der Großvater und Enkel“ wird auf drastische Weise der würdevolle, oder besser gesagt der würdelose Umgang miteinander thematisiert. Da ist nichts mehr von Zauber und Märchen. Es ist einfach eine Geschichte, die erschrecken und erinnern soll an das uralte Prinzip: „Tue anderen nichts an, was du selbst nicht erfahren willst.“

Hier kannst du die Geschichte nachlesen: https://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/der_alte_grossvater_und_sein_enkel

Der vom Tisch verbannte Großvater wird derart würdelos behandelt, dass es schon wehtut. Die Eltern merken die Selbstgerechtigkeit ihres Handelns nicht, bis ihr eigenes Kind es ihnen auf seine Weise heftig spiegelt. Erst dann verstehen sie, was sie dem Großvater eigentlich angetan haben.

Brauchen wir solche drastischen Geschichten wirklich noch? Haben wir nicht längst gelernt durch so viel Leid in all den Generationen? Wo sind die Geschichten, die uns helfen, wahrhaftig zu erkennen was jetzt dran ist? Auf Netflix ganz sicher nicht. Schauen wir in alte Geschichten, finden wir diese Weisheit. Aber nicht in allen. Auch hier ist Achtsamkeit gefordert, womit wir unsere Seele füttern.

Zu lernen, in Würde mit der Krise umzugehen kann ein guter Weg sein, uns nicht so leicht in die Angst, Wut und Sorge hineinzufressen. Würde zu fokussieren, kann die Chance sein, eine tiefgreifende gesellschaftliche Gesundung zu bewirken.

Würde sollte nicht nur ein Konjunktiv sein.

Ich möchte mich in diesem Feld weiterbewegen und initiiere als Mitglied im Würdekompass e.V. eine Themengruppe: „Würde und Kunst. Der Weg der Herzenskunst“. Hier soll Raum sein, über die Aufgabe von Kunst, ein Bewusstsein von Würde zu schaffen, zu diskutieren, fantasieren, meditieren und natürlich auch auszuprobieren. Offen für alle Menschen auf dem Weg der Herzenskunst. Bei Interesse sehr gerne Austausch über kontakt@katipfau.de .

Buchempfehlung zum Weiterlesen: Gerald Hüther: Würde – Was uns stark macht als Einzelne und als Gesellschaft. ISBN 978-3813507836

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